Viele, unter anderem auch Christoph Leitl, warnen in ihren Publikationen vor der aufstrebenden Weltmacht China. Wolfram Elsner nimmt dagegen eine andere Position ein.

Wolfram Elsner: Das chinesische JahrhundertChina wird in den Medien des Westens und dadurch auch in unseren Augen mit sehr kritischen Augen gesehen: schnell ist die Rede von Diktatur, Unterdrückung, Überwachung, Einschränkungen der Meinungs- und Pressefreiheit. Umso mehr überrascht es, das Buch von Wolfram Elsner zu lesen, in dem ein gänzlich anderes China geschildert wird: ein China, das versucht, Ungleichheiten zu verringern, Kooperationen abzuschließen, glaubhaft, offen und transparent zu sein – für die Menschen im Land, aber auch für jene anderer Länder.

Ein Land, das verschiedene Konzepte sehr schnell ausprobiert, unterschiedliche Denkrichtungen und Ansätze erprobt, verändert, weiter entwickelt oder einfach wieder stoppt. Das Meinungsfreiheit sehr wohl zu lässt und sich sehr schnell vom armen Entwicklungsland zu einem Weltplayer, wenn nicht bereits zur Nummer 1 entwickelt hat.
Ein Land, das nicht militärisch droht, sondern Hilfe und Kooperation anbietet.

Elsner zeichnet aber auch ein erschreckendes Bild der westlichen Medien, die – anscheinend unreflektiert – Meldungen des großen Gegenspielers USA übernehmen und so versuchen – entweder vorsätzlich oder ohne Absicht - zur Destabilisierung von China beizutragen. Elsner bringt hierfür einige Beispiele, unter anderem die Berichterstattung vom „angeblichen“ Masaker am Tian’anmen Platz oder aber auch über die Uiguren.

Für mich zeigt sich damit wieder, wie wichtig die Rolle der Medien wäre, wie wichtig es wäre bei jedem Bericht die Quelle zu wissen, wie wichtig den Journalismus mit genügend Geld auszustatten um gleich oder so schnell wie möglich Recherche vor Ort von eigenen Mitarbeitern zu ermöglichen. Möglicherweise werden viele Elsner für seine Medienschelte verurteilen und ihm eine rosarote Brille gegenüber China vorwerfen, aber eines kann man nicht bestreiten: er bringt viele Quellverweise und er hat China bereist, dort gearbeitet. Daher ist er für mich eine glaubhaftere Quelle als Bild & Co.
Wie wenig Berichterstattung mit Tatsachen zu tun hat, konnte ich im „Jugoslawienkrieg“ verfolgen: im ORF wunderbare Grafiken der Nato, wie genau Ziele getroffen, gebombt wurden, wie wenig die Zivilbevölkerung eigentlich darunter zu leiden hatte – ein „cleaner“ Krieg. Gänzlich anders klangen allerdings die Berichte von Vertrauenspersonen vor Ort. Aber dieser Hinweis nur am Rande und zur Ehrenrettung von ORF sei gesagt, dass er noch auf der vertrauenswürdigeren Seite steht im Vergleich zu manch anderen…

Auf jeden Fall ist dieses Buch mit all seinen 383 Seiten eine dringende Leseempfehlung für all jene, die nicht nur an Trump und seine Pressestelle glauben, sondern einmal eine andere Sichtweise kennen lernen möchten. Selbst wenn Wolfram Elsner das Land zu positiv sehen sollte, es ist faszinierend die Entwicklung zu verfolgen und man kann nach dieser Lektüre vielleicht einmal mehr kritisch auch auf Presseberichte zu verschiedenen Entwicklungen blicken. Und wenn auch in Zeiten von Corona die Reisefreiheit im Moment nicht stattfindet und China nie auf meiner „Shoppingliste“ stand: Das Buch macht auch Lust dieses Land bzw. einen Teil davon kennen zu lernen. Vielleicht irgendwann in der Zukunft.

Lesenswert!

Wolfram Elsner: Das chinesische Jahrhundert
Die neue Nummer eins ist anders
ISBN 978-3-86489-261-5
Westend Verlag
www.westendverlag.de