Unser Bild von „Anderen“ wird nicht nur durch Medien geprägt, sondern auch durch museale Sammlungen. Das Weltmuseum Wien zeigt eine Ausstellung, die sich den Diskrepanzen zwischen Schein und der Wirklichkeit nähert. Sehenswert. (Foto © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien, Konrad Limbeck)
In der Ausstellung „Blutregen“ untersucht das Weltmuseum Wien Waffenhandel nicht als abstraktes Geschäft, sondern zeigt seine konkreten Folgen, historische Verflechtungen und fortdauernde Machtwirkungen. Gewalt, Verletzungen und Tod bilden den Hintergrund, doch die Waffen selbst bleiben weitgehend abwesend.

Im Mittelpunkt stehen ihre Wege, Bilder und Objekte aus dem Umfeld von Kriegen und Geschichten von Menschen, die mit Handel, Kolonialismus und Kriege in Verbindung gebracht werden können.

Ausgangspunkt war die fotografische Sammlung des Weltmuseums, deren Objekte eine Dissonanz zwischen Wirklichkeit und gewünschter Darstellung offenbaren.
Fotografien der Sammlung sind keine neutralen Zeugnisse, sondern Bestandteile kolonialer Wirklichkeit. Menschen wurden inszeniert, vermessen und vermeintlichen „Typen“ zugeordnet. Mit diesen Bildern, die in Europa zirkulierten, erzeugten sie die Vorstellung von „fremden“ Ländern und Gesellschaften, die in diesen Darstellungen oft als „primitiv“ dargestellt wurden.

Deshalb präsentiert die Ausstellung nicht nur historische Fotografien, sondern sie zeigt auch, wer sie herstellte, für welches Publikum sie bestimmt waren und auf welche Weise die Bilder Wirklichkeiten formten. Ein Ansatz, der heute besonders wichtig ist. Nicht nur, um unsere Vergangenheit besser kennen zu lernen, sondern auch, um unseren Medienkonsum und unsere heutige Meinungsbildung besser zu verstehen und einordnen zu können.

Auch in der Gegenwart ist es unumgänglich sich die Frage zu stellen, wem welches Medium gehört? Wem welche Meldung nutzen könnte? Wer überhaupt auswählt, welche Meldungen gedruckt, gesendet oder gepostet wurden. Und wer bedient wie welche Zielgruppe und in welcher Weise will man Wirklichkeit formen?
Damit soll hier keine weitere Verschwörungstheorie aufgestellt werden, sondern nur die Bitte geäußert werden, den eigenen Medienkonsum zu hinterfragen und sich anzusehen, woher welche Meldung kommt und wem sie dienen könnte. Auch wenn sich verantwortungsvolle Journalisten um Objektivität und Neutralität bemühen, noch steht hinter jeder Geschichte, jedem Artikel ein Mensch mit seiner eigenen Geschichte, Meinung und Sozialisation. Es sind aber nicht nur die Artikel die Meinung machen - auch ihre Auswahl bestimmt für uns Leser und Medienkonsumenten die Wirklichkeit. Und diese Auswahl wird - vor allem in den sozialen Medien schon heute von KI und Algorithmus getroffen, nicht um uns zu informieren, sondern um Klicks zu erzielen ...

Doch zurück zur Ausstellung im Weltmuseum.
Industriell gefertigte Gewehre standen für technischen Fortschritt, wirtschaftliche Interessen und militärische Überlegenheit. Gleichzeitig findet man in den Sammlungen europäischer Museen hauptsächlich Speere, Bögen, Schilde und rituelle Waffen aus der Kolonialzeit.
„Beweise“ für vermeintlich rückständige und „primitive“ Gesellschaften. Doch einige Fotografien zeigen auch Menschen aus den kolonisierten Regionen mit damals modernen Feuerwaffen.

Aus dieser Diskrepanz entwickelte sich die Frage, wie der Waffenhandel um 1900 funktionierte und warum gerade die in den Kolonialkriegen eingesetzten modernen Waffen kaum gesammelt wurden, was damit bewirkt werden sollte und wie Kriegserlebnisse auch noch spätere Generationen beeinflussen.
Schutz für Körper und Seele
Ein Teil dieses Raumes ist für mich Schrecken und Hoffnung zugleich. Er zeigt nämlich, dass Menschen – über alle Regionen und Religionen hinweg –Kriege anscheinend nur führen und auch danach überleben können, wenn sie an einen höheren Schutz glauben.

Gezeigt werden religiöse und rituelle Objekte aus verschiedenen Weltregionen, ein Kris aus Indonesien, eine sudanesische Lederkette, aber auch ein christlicher Rosenkranz und eine Bibel, die heute noch online für amerikanische SoldatInnen angeboten wird. Es besteht also ein universelles Bedürfnis nach Schutz – eine Strategie, die notwendig ist, um psychische Belastungen zu bewältigen. Ob man Kriege verhindern könnte, wenn dieser Schutz wegfällt?

Krieg findet dann statt, wenn die Diplomatie versagt hat. Die Ausstellung zeigt deutlich auf, warum Diplomatie nie versagen sollte …

(Foto © Library of Congress, Prints & Photographs Division, LC-DIG-npcc-09503)
Doch man widmete sich auch ganz konkreten Schutzmechanismen. Ergänzt wird dieses Kapitel durch die Geschichte der Erfindung einer kugelsicheren Weste, die um 1900 auch in Wien entwickelt wurden. Fotografien zeigen ihre spektakuläre Erprobung und damit zugleich wie technische Innovation, Marketing und Vorstellung von Männlichkeit ineinandergreifen.
Wer produziert und verkauft Waffen und an wen?
Hier steht das Thema des Waffenhandels im Mittelpunkt: Wer darf Waffen kaufen und verkaufen, wer erlässt Embargos und wer kann sie umgehen?

So erfährt man nicht nur die Geschichte des französischen Dichters Arthur Rimbaud, der seine fotografische Praxis als Waffenhändler zwischen Jemen und Äthiopien finanzieren konnte.

Es hat mich auch überrascht zu erfahren, dass Kaiser Maximilian von Mexiko mit US-Gewehren hingerichtet wurde, da bereits damals die USA Südamerika als ihren "Hinterhof" betrachtete und Benito Juarez mit Waffen unterstützte, um den Einfluss Napoleons in Südamerika gering zu halten.

(Foto © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien, Konrad Limbeck)
Interessant ist auch die Klage eines deutschen Waffenproduzenten, die mexikanische Polizei hätte bei der Entwicklung eines Gewehrs ihre Patente verletzt. Im Gerichtsverfahren stellte sich dann heraus, dass dies nicht der Fall war, allerdings hatte die deutsche Firma illegal Waffen nach Mexiko geliefert.

In der Ausstellung ist auch das Sturmgewehr der mexikanischen Polizei als Animation zu sehen. Es ist nach Xiuhcoatl, der Feuerschlange benannt, die im Logo abgebildet ist. In der aztekischen Mythologie war Xiuhcoatl die Waffe des Feuergottes Xiuhtecuhtli.

Ein geschnitzter Becher stellt den Gott und seine Schlangenwaffe dar, wie sie die Sonne angreifen. Während auf der einen Seite das Logo des Gewehrs als Symbol der nationalen Identität an das aztekische Erbe anknüpft, werden die Nahua-Gemeinschaften – Nachfahren der Azteken – auch heute noch gesellschaftlich ausgegrenzt und von wichtigen Entscheidungen ausgeschlossen.

Die Ausstellung vermeidet einfache moralische Zuordnungen: Widerstand, Kollaboration und Diplomatie erscheinen als ambivalente Positionen, die unter kolonialem Druck nicht immer klar voneinander zu trennen sind.
Da Kriege nicht nur durch militärische Gewalt allein gewonnen werden, nehmen Menschen Positionen ein, die ein breites Spektrum umfassen: von aktivem und bewaffnetem Widerstand über diplomatische Vermittlung bis hin zur Zusammenarbeit mit dem Feind. Ihre Position bestimmt ihren Zugang zu den neuesten Schusswaffen.
Kriegserinnerungen und Gegenwart
Dieser Teil der Ausstellung zeigt nicht nur, dass mit Gegenständen rund um einen Krieg Gewinn gemacht werden kann, sondern auch wie schwierig es ist, die Folgen aufzuarbeiten und wie lange - oft über Generationen - sie nachwirken.

Teppiche von afghanischen Flüchtlingen zeigen nicht mehr ihre pflanzlichen oder geometrischen Muster, sondern Panzer, Hubschrauber, Kalaschnikow-Gewehre und Kampfflugzeuge und werden zu begehrten Objekten auf dem Kunstmarkt und in Museumssammlungen.

Kartenspiele mit Abbildungen gesuchter Personen bzw. Staatsfeinde tragen dazu bei, dass sich SoldatInnen die Gesichter der Gesuchten besser einprägen.
Ein weiteres Video über koreanische Familien, die nach dem Koreakrieg über eine Fernsehsendung nach Angehörigen suchten, verdeutlicht, wie Krieg selbst Namen, Dokumente und familiäre Zugehörigkeit auslöschen kann.

Anstelle von Zollämtern und Telegrafenstationen, die Ein- und Ausfuhren überwachten, bietet die sogenannte „Kill Cloud“ heute genauere Möglichkeiten zur Überwachung. In dieser digitalen Infrastruktur werden Daten über Menschen gesammelt, die dann von US-Behörden wie ICE für Abschiebungen und tödliche Einsätze genutzt werden können. Die Künstlerin Tiara Roxana hat diese Thematik in ihrer Videoarbeit, die ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist, aufgegriffen.

Eine ähnliche Thematik hat auch Hito Steyerl in Mechanical Kurds aufgegriffen und damit einen Preis beim diesjährigen Ars Electronical Festival gewonnen. Allerdings beschäftigte sie sich mehr mit dem Gewinnen der Daten, die zum Teil von Menschen in Flüchtlingslagern in das System eingegeben werden, um Arbeit zu haben und überleben zu können. Genau diese Daten dann aber zu ihrer Überwachung benützt werden können. (Mehr darüber findet ihr hier)

Die Sammlungen der Museen sind daher nicht nur Archive der Welt, sondern sie sind auch Archive des Blicks auf die Welt. Es ist daher notwendig, sie immer wieder neu zu beforschen, zu untersuchen und ihre Blickwinkel zu verstehen, aber auch zu entlarven, globale Verflechtungen sichtbar zu machen und – besonders in dieser Ausstellung – zu hinterfragen, welche Bilder sie damals und heute von uns selbst und anderen Menschen erzeugen und welche politischen Wirkungen diese Bilder entfalten. Für mich schärft damit der Besuch den Blick für jene Bilder, die uns über traditionelle Medien und soziale Netzwerke täglich erreichen, und regt dazu an, ihre Herkunft, Auswahl und Wirkung kritischer zu hinterfragen.

Zur Ausstellung gibt es Performances, Workshops, Gespräche und Führungen. Das genaue Programm, das laufend ergänzt wird, findet ihr unter https://www.weltmuseumwien.at/ausstellungen/blutregen

Das Weltmuseum ist täglich – außer Montag – von 10:00 bis 18:00 Uhr, am Dienstag von 10:00 bis 21:00 Uhr geöffnet. Tickets sind auch online erhältlich.
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