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Wisst ihr was „Cockaigne“ bedeutet? Meine Französischkenntnisse reichten dazu leider nicht aus, aber um dazuzulernen gibt es ja Museen … (Projekt Naurvik, King William Island, Nunavut, Kanada, 2024 © Gregor Sailer)

Cockaigne ist ein alter Begriff für Schlaraffenland aus Frankreich, den ich allerdings noch nie vorher gehört hatte. Vielleicht wäre es ja doch besser gewesen, Französisch ab der 3. Schulstufe Gymnasium zu lernen anstatt Latein – auch das vielgerühmte „das kann man sich ja dann ableiten“ half mir nicht weiter. Egal, auf ins Museum – Leben bedeutet schließlich ständig weiterlernen …

Generaldirektorin Dr. Katrin Vohland bei der Präsentation der neuen Ausstellung
Generaldirektorin Dr. Katrin Vohland bei der Präsentation der neuen Ausstellung

Das Naturhistorische Museum in Wien hat nicht nur eine der größten Meteoritensammlungen, wunderschöne „alte“ Räume, sondern widmet sich auch der Forschung und aktuellen gesellschaftlichen Themen.

Einige Fragen stellen sich gleich bei der Feststiege
Einige Fragen zur Ausstellung werden schon bei der Feststiege gestellt

Damit sind wir auch schon bei der neuen Sonderausstellung „Cockaigne. Schlaraffenland der Zukunft“, die gemeinsam mit tollen Bildern des Fotokünstlers Gregor Sailer gestaltet wurde und sich dem Thema der Nahrungsmittelproduktion widmet.

Hier geht es in den Ausstellungssaal
Hier geht es in den Ausstellungssaal

Könnte es eine Welt ohne Hunger geben, in der Nahrung im Überfluss vorhanden ist? Ohne Tierleid und Tierquälerei? Ohne den Planeten dabei zugrunde zu richten? Wie könnte diese Welt und die Nahrungsproduktion aussehen?

Fotograf Gregor Sailer (Foto © Chloe Potter)
Fotograf Gregor Sailer (Foto © NHM Wien, Chloe Potter)

Der Fotograf Gregor Sailer hat sich mit diesen Themen ebenfalls beschäftigt und nimmt uns auf seiner Reise mit.
Ins französische Amiens, wo sich die größte vollautomatisierte vertikale Insektenfarm der Welt befindet. Nach Nunavut in Kanada – dort produzieren Inuit im von Eis und Schnee umgebenen Ort Goja Haven in umfunktionierten Schiffscontainern gemeinschaftlich Pflanzen wie Salat und Erbsen oder zur Forschungsinitiative Eden, bei der sich Wissenschaftler*innen damit beschäftigen, wie Nahrungsmittel auf dem Mond oder Mars produziert werden könnten.

Wußtet ihr, dass es Quallenfarmen gibt?
Wusstet ihr, dass es Quallenfarmen gibt?

Sailer zeigt futuristische Produktionsstätten: Quallen- und Algenfarmen, Hochhäuser für Mehlwürmer, Pilze und Hydroponik, KI-gesteuerte, automatisierte Landwirtschaft mit standardisierten Organismen und Prozessen, aber auch hochdiverse Agrosysteme, die viel menschliche Arbeitskraft benötigen.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Sailers Bilder sind wunderschön, zum Teil unglaublich und sie laden vor allem zum Nachdenken ein. Wie weit ist die Landwirtschaft, die immer einen Eingriff in die Natur darstellt, fortgeschritten? Mit welchen Methoden kann die Menschheit ernährt werden? Entfernen wir uns durch diese Nahrungsproduktion nicht noch weiter von der Natur und wissen wir damit Lebensmittel nicht noch weniger zu schätzen? Wie anfällig auf Fehler, auf unerwartete Entwicklungen, auf „Verunreinigungen“ ist eine solche Nahrungsproduktion? Sollte man vielleicht doch wieder einen Schritt zurück zu einer „natürlicheren“ Produktion kommen, doch könnte diese die Menschheit ernähren und wie müsste sie aussehen?

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Bereits der Stiegenaufgang zum Saal 21, in dem die Ausstellung untergebracht ist, zeigt uns den unterschiedlichen Bodenbedarf für verschiedene Nahrungsmittel: während die Gewinnung von 100g Eiweiß aus Tofu nicht einmal 2,2m2 Boden beansprucht, sind es beim Getreide bereits mehr als die doppelte Menge - um die gleiche Menge aus Rindfleisch zu erzielen muss man allerdings bereits bis in die zweite Ebene zum Ausstellungsbeginn hoch laufen.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Ein interessanter Vergleich, der den Trend zur vegetarischen Küche durchaus unterstützen könnte. Man muss es ja nicht mit missionarischen Eifer betreiben, aber statt Rindsbraten hin und wieder auf Krautfleckerl, Karfiol oder Gemüsestrudel zu setzen, sollte auch nicht schaden.

Was werden wir in Zukunft essen?
Was werden wir in Zukunft essen? Heuschrecken? Mehlwürmer?

Die eindrucksvollen Bilder von Gregor Sailer zeigen die Entwicklungen moderner Lebensmittelproduktion, gleichzeitig verdeutlichen sie auch die Kluft zwischen unserem „Schlaraffenland“ und der Art, wie unsere Lebensmittel tatsächlich produziert werden.

Projekt Naurvik, King William Island, Nunavut, Kanada, 2024 © Gregor Sailer
Projekt Naurvik, King William Island, Nunavut, Kanada, 2024 © Gregor Sailer

Sie lassen uns begreifen, dass es Auswirkungen gibt, die nicht nur uns als Menschen, sondern auch die Umwelt, das Klima, die Tiere und die Natur betreffen und dass der Einfluss heutiger Produktion nicht geradewegs ins Schlaraffenland führt, auch wenn wir hier eigentlich Lebensmittel in Hülle und Fülle (manchmal zu viele, zu sehr verarbeitete) zur Verfügung haben, die aber dann wieder für einige unserer sogenannten Zivilisationskrankheiten verantwortlich sind. Darüber nachzudenken ist nicht nur erlaubt, sondern bitter notwendig.

Unbedingt durchblättern ...
Unbedingt durchblättern ...

Die Ausstellung und auch das Buch „Cockaigne“ von Gregor Sailer zeigen, dass unser Nahrungsmittel-Paradies eine Illusion ist und wir uns mit unserer Beziehung zu unseren Lebensmitteln, zu den Systemen, die sie produzieren, aber auch zu den Machtstrukturen, die unsere Welt prägen auseinander setzen und sie überdenken müssen.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Sailer zeigt nicht den einen genialen Weg, sondern verschiedene Lösungsansätze und macht auch auf die unterschiedlichen Gefahren aufmerksam.

Food Forest - eine Alternative
Food Forest - eine Alternative?

Eine kleine Ausstellung, die aber mit wunderbaren Bildern glänzt und zum Nachdenken und zum Überprüfen der eigenen Handlungen einlädt – schaut vorbei, es lohnt sich.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Wer dann Lust bekommt, ein bisschen weniger Fleisch oder Fisch zu essen und wieder einmal selbst zu kochen und nicht nur ein Fertigmenü aufzuwärmen, kann sich bei unseren Rezepten Anregungen holen. Viele sind relativ einfach nach zu kochen und meistens in 30 Minuten erledigt – und es schmeckt …

Hier findet ihr noch schnell den Vergleich der Flächenbelegung, die für die Gewinnung von jeweils 100 Gramm Protein benötigt wird und die durch die Installation auf der Feststiege des Naturhistorischen Museums deutlich gemacht werden soll:
Tofu: 2,2m2
Getreide: 4,6m2
Nüsse: 7,9m2
Milch: 27,1m2
Rindfleisch: 163,6m2 pro 100g Eiweiß

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Das Buch von Gregor Sailer Cockaigne ist im Kehrer Verlag Heidelberg erschienen und im Shop des Naturhistorischen Museums erhältlich. In der Ausstellung kann man auch ein Ansichtsexemplar durchblättern. Wer ein bisschen Zeit hat und mehr über die Thematik erfahren möchte, solle sich unbedingt den Beitrag des britischen Lebensmittelforschers David Julian McClements in dem Buch durchlesen.

Hochsicherheitsrechenzentrum, Stockholm, Schweden, 2023 © Gregor Sailer
Hochsicherheitsrechenzentrum, Stockholm, Schweden, 2023 © Gregor Sailer

Zur Ausstellung ist auch eine Broschüre mit dem Titel „Cockaigne, Schlaraffenland der Zukunft?“ im Verlag des NHM erschienen, die ebenfalls im Shop erhältlich und sehr lesenswert ist.

Zum Abschluss noch einige Informationen über Gregor Sailer

Sailer, geboren 1980, begann seine fotografische Ausbildung an der Prager Fotoschule, studierte Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Fotografie und experimentellem Film sowie Photographic Studies an der Fachhochschule Dortmund. Seit 2005 arbeitet er als selbständiger Fotograf, dessen Arbeiten sich an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Architektur orientieren.
Jahrelange Planung und Konzeption geht der Motivsuche voraus, da viele Orte oft für viele Menschen schwer oder gar nicht zu erreichen sind. Seine Werke wurden bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten und in nationalen wie internationalen Solo- und Gruppenausstellungen gezeigt. Er lebt und arbeitet in Tirol.

Die Ausstellung ist von 10.2. bis 19.7.2026 im Saal 21 im Naturhistorischen Museum Wien zu sehen.
Das NHM ist Donnerstag bis Montag von 9:00 bis 18:00, am Mittwoch von 9:00 bis 20:00 Uhr geöffnet. Am Dienstag ist das Museum geschlossen.


Cockaigne. Schlaraffenland der Zukunft
10.2.-19.7.2026
Naturhistorisches Museum Wien
1010 Wien
Burgring 7
+43 1 521 77-0
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