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Die Reihe der Neuaufstellungen geht weiter. Nachdem das MAK in Wien ihre Schausammlung „Wien 1900“ neu präsentierte, ist nun das Lentos in Linz an der Reihe.

Bei der Neuaufstellung der Sammlung bleibt man im Lentos beim chronologischen Ablauf und gibt damit einen guten Überblick über die Entwicklung der einzelnen Kunstrichtungen vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Außerdem beschäftigt man sich nicht nur kritisch mit dem „Gründervater“ der Sammlung im Lentos, Wolfgang Gurlitt, sondern kontextualisiert auch andere Künstler, deren Werk zwar außer Zweifel zu stellen ist, deren Leben aber irgendwann einen dunklen Fleck aufzuweisen hat und daher zumindest zum Nachdenken einladen sollte.

Die "Biedermeier"-Wand
Die "Biedermeier"-Wand

Ich finde es nach wie vor besser, die Geschichte nicht neu schreiben zu wollen, sondern zu erzählen, welche Verfehlungen, falsche Abbiegungen im Lebensweg, manchmal sogar Verbrechen sich Künstler oder Politiker, Menschen des öffentlichen Lebens schuldig gemacht zu haben. Verschwinden ihre Werke, ihre Statuen, verschwindet auch die Geschichte, die Verfehlungen und damit das Erinnern an dunkle Flecken. Dieses Verschwinden erinnert mich dann immer an 1984 von George Orwell, wo auch Vergangenes und Unpassendes ausgemerzt und an neue Situationen angepasst wurde.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Wir aber sollten wissen, was damals passierte und dass teilweise lange strahlende Helden sehr dunkle Seiten hatten und Schuld auf sich geladen haben. Man sollte nur diese dunklen Seiten genauso ausgiebig beleuchten wie das hell Strahlende. Und dies wird in dieser Ausstellung getan, egal ob es sich um Wolfgang Gurlitt, Gustinos Ambrosi, oder andere handelt.

Auch Arnulf Rainer ist vertreten
Auch Arnulf Rainer ist vertreten

Schön ist es auch, dass man den Bestand der Sammlung nach Künstlerinnen durchforstet hat und ein Drittel der ausgestellten Positionen von Frauen stammt. Insgesamt sind auf den rund 1.400m2 Ausstellungsfläche 232 Werke von 178 Künstler*innen präsentiert.

Blick in die Austellung
Blick in die Ausstellung

Im ersten Raum setzt man sich mit dem Beginn der Gründung des Lentos und Wolfgang Gurlitt auseinander, bevor man ins Biedermeier eintaucht und an der „Biedermeier-Wand“ die typischen Motive der Kunstwerke der damaligen Zeit bewundern kann: Der Rückzug auf familiäre Situationen, Handwerk und Bürgertum, aber auch Landschaftsbilder, kirchliche Traditionen und die Darstellung vorwiegend armer Kinder.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Anschließend taucht man in die Zeit des Expressionismus, des Jugendstils und der Secession ein. Als Highlight kann hier das unvollendete Porträt von Gustav Klimt zu sehen ist, erfährt man dass Fritz von HerzmanovskyOrlando nicht nur Schriftsteller war, sondern in seinen Zeichnungen auch eine poetische Kakanien-Nostalgie zeichnete. Auch Schiele und Kokoschka sind vertreten.

Ein Klimt ist auch dabei
Ein Klimt ist auch dabei

Das Ende des Ersten Weltkriegs bringt durch den Zerfall der Monarchie und den verlorenen Krieg eine Zeitwende für das verbleibende kleine Österreich. Auch die Kunstszene hat mit Gustav Klimt, Egon Schiele und Koloman Moser wichtige Persönlichkeiten verloren.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Alfons Walde ist ebenso wie Ablin Egger-Lienz mit Werken vertreten wie Franz Sedlacek, der Mitbegründer der sezessionistischen Künstlergruppe Maerz in Linz war und sich durch einen komplett anderen Stil als die beiden oben erwähnten ausdrückte. Starke Formensprache, vereinfachte Figuren kontrastreiche Farbpalette steht hier gegen magischen Realismus, der Alltagswelt und Traumhaftes ineinander verschmelzen lässt.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Danach widmet sich die Ausstellung der künstlerischen Positionen des Nationalsozialismus und zeigt auf, dass dieser nicht immer einer einheitlichen Bewertung folgte. So wurde etwa Herbert Bayer als Grafiker im Dienst der Propaganda sehr gut „beschäftigt“, seine Werke als Maler jedoch abgelehnt. Auch hier versucht die Ausstellung aufzuklären, zu zeigen, aber nicht zu verharmlosen und die Werke von „Regime-konformer“ Kunst mit verfolgten und wiederständigen Positionen zu konfrontieren. Auch hier ist sich das Lentos seiner Stellung und Verantwortung des Museumsstandortes Linz (die „Heimatstadt des Führers“) bewusst.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Wir schreiten weiter in der Geschichte voran und stehen nun vor einem künstlerischen Neubeginn: da figurative Darstellungen als ideologisch verdächtig gelten können, wenden sich nun viele Künstlerinnen der Abstraktion zu. Zahlreiche Künstlerinnen reisen nach Paris und USA, um wieder Anschluss an neue Trends und die internationale Kunstszene zu finden. Maria Lassnig, Arnulf Rainer und Hans Staudacher werden zu ImpulsgeberInnen.

Auch einige Bilder der "Phantastischen Realisten" sind vertreten
Auch einige Bilder der "Phantastischen Realisten" sind vertreten

Besonders habe ich mich gefreut, einmal wieder Werke der Wiener Schule des Phantastischen Realismus in einer Ausstellung zusehen. Mit je einer Arbeit von Arik Brauer, Ernst Fuchs und Anton Lehmden sind zumindest drei Vertreter der spezifisch österreichischen Form des Spätsurrealismus vertreten, die sich unter der geistigen Schirmherrschaft des Akademie-Professors Albert Paris Gütersloh entwickelt hatte.

Blick in die Dauerausstellung
Blick in die Dauerausstelung

Die folgenden 1960er Jahre und ihre Kunst war eine Dekade der gesellschaftlichen Umbrüche. Protestbewegung gegen autoritäre Strukturen waren ebenso prägend für die Zeit wie Bürgerrechtsgruppen gegen rassische Diskriminierung und antikoloniale Befreiungsprozesse. Der Kunstbegriff erweitert sich zu performativen Praktiken, die den eigenen Körper als Aushandlungsort politischer Prozesse in den Mittelpunkt stellen. Die Wiener Aktionisten Hermann Nitsch, Otto Muehl, Günter Brus und Rudolf Schwarzkogler schocken die Gesellschaft. Valie Export, deren Vorlass das Lentos besitzt, nutzt den eigenen Körper in ihren Performances und Filmen und verstört den einen oder anderen bürgerlichen Passanten mit ihren Aktionen.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

In der Nervenheilanstalt Maria Gugging erkennt der Psychater Leo Navratil das künstlerische Potential seiner Patienten – Art Brut zieht auch viele Künstler anderer Genres nach Gugging wie z.B. David Bowie. Aber auch Adolf Frohner, Peter Pongratz oder Arnulf Rainer lassen sich von den Gugginger Art-Brut Künstlern inspirieren oder arbeiten gemeinsam mit ihnen.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Mit der Pop-Art hält auch die „Werbung“ Einzug in die Kunst oder die Kunst in die Werbung. Serielle Wiederholungen, Reproduktionen, plakative Farbflächen werden Kunst und feiern nicht nur die Kunstwelt, sondern können sich ihr gegenüber auch durchaus kritisch und ironisch positionieren. Eine der wichtigsten – österreichischen – Vertreterinnen ist für mich Kiki Kogelnik die eine Bildsprache entwickelt, in der Körper, Zukunftsversionen und Raumfahrtmotive zusammenspielen.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Die 1970er rücken Kunst und Leben näher zusammen, die Künstler*innen beschäftigen sich mit Politik, Ökologie, Gleichberechtigung der Geschlechter. Neue Kunstrichtungen wie Aktionskunst, Performance und Konzeptkunst gewinnen an Bedeutung.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Aids Epidemie, Kriege (Iran-Irak), aber auch der Mauerfall und das Ende des Kalten Krieges erschüttern die Welt aber bringen auch Hoffnung, die allerdings durch den Zusammenbruch des ehemaligen Jugoslawiens und furchtbarer Kriegsverbrechen mitten in Europa wieder einen Dämpfer bekommen. Keith Haring, der ebenfalls in der Ausstellung mit einem Werk vertreten ist, legt mit seinen „Männchen“ und Figuren seine Finger in die Wunden der Gesellschaft (für alle die es sehen wollen).

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Noch einmal nimmt die Pop-Art einen Aufschwng, digitale Kunst und die Nutzung des Computers als eigenen Medium rücken aber immer weiter in den Vordergrund.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Der letzte Raum der Ausstellung, der erst nach dem Ende der Ausstellung „Mädchen* sein!?“ zur Verfügung steht wird die Sammlung in die Gegenwart führen und mit Installationen, Malerei und Video aktuelle Diskurse aufgreifen.

Zu schade für die Lade

In die Ausstellung integriert ist auch eine wechselnde Hängung von Arbeiten bekannter KünstlerInnen zwischen 1850 bis heute. Immerhin umfasst die Grafiksammlung des Lentos Kunstmuseums über 17.000 Werke. Zusätzlich zur Ausstellung werden die einzelnen grafischen Blätter einer kunstwissenschaftlichen Betrachtung unterzogen, die man am Blog der Lentos Website (www.lentos.at) nachlesen kann.

Zu schade für die Lade
Zu schade für die Lade

Die Ausstellung war für mich nicht nur ein Spaziergang durch die Kunst der letzten Jahrzehnte, sondern auch mit vielen Erinnerungen an meine eigene Vergangenheit und meine ersten Kunsterfahrungen. Daher hat es mich besonders gefreut, einige Bilder der Wiener Schule des Phantastischen Realismus wieder zu sehen, auch Mucha, Klimt und Schiele, Andy Warhol und Keith Haring wieder zu sehen, hat mir großen Spaß gemacht. Und dann waren dann auch noch einige interessante Neuentdeckungen dabei.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Mit einer Führung, die regelmäßig stattfinden (Termine hier) kann man noch tiefer in die Materie eintauchen.

Audioguide:

Oder ihr nutzt den Audioguide: Der Audioguide begleitet die Besucher*innen durch die Sammlungspräsentation. Der virtuelle Guide gibt in Hörbuchqualität in deutscher und englischer Sprache einen tieferen Einblick in die Besonderheiten der Sammlung. Die diskutierten Arbeiten stammen von KünstlerInnen wie Herbert Bayer, Valie Export, Gustav Klimt, Oskar Kokoschka, Maria Lassnig, Gabriele Münter, Egon Schiele, Andy Warhol sowie Zobernig und viele andere.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Zusätzlicher Tipp: Unbedingt auch die Sonderausstellung „The World Without Us“ (noch bis 10.5.2026) anschauen, wenn ihr zu dieser Zeit das Lentos Kunstmuseum besucht.


Das Lentos Kunstmuseum ist Dienstag bis Sonntag von 10:00 bis 18:00 Uhr, am Donnerstag von 10:00 bis 20:00 Uhr geöffnet, Montag ist geschlossen.
Tickets können auch online gekauft werden: https://kupfticket.com/events/ticketlentoskunstmuseumlinz


Neuaufstellung der Sammlung
ab 5.3.2026
Lentos Kunstmuseum Linz
4020 Linz
Ernst-Koref-Promenade 1
+43 732 7070 3600 oder +43 732 7070 3616
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