Es war eine Blütezeit der Kunst, aber auch des Umbruchs in Wien – das MAK zeigt nun einen neuen Blick auf diese Zeit in ihrer Dauerausstellung.
Seit der Direktion von Peter Noever wurden immer wieder zeitgenössische Künstler*innen eingeladen, die Neuausrichtungen der Schausammlungen des Museums zu begleiten. Auch dieses Mal hat Direktorin Lilly Hollein einen Künstler gebeten, die Neuausrichtung mit den Kustoden und Kustodinnen des MAKs zu begleiten. Markus Schinwald warf dabei einen zum Teil cineastischen Blick auf die Sammlung, bemühte sich um verschiedene „Brennweiten“ bei seiner Betrachtungsweise und fand auch einige Verweise von damals in die Gegenwart.

Das Museum für angewandte Kunst kann mit besonderen Werken aus dieser Zeit auftrumpfen: Hier ist nicht nur das Archiv der Wiener Werkstätten zu Hause: der Entwurf zum Klimtfries in der Stocletvilla gehört ebenso zu den Höhepunkten wie die Zimmer und Bestecke von Josef Hoffmann oder Werke von Adolf Loos.

Die neue Ausstellung bietet aber mehr: zum Beispiel einige Verweise in die Gegenwart.
Social Media um 1900
Wusstet ihr, dass um 1900 in Wien die Post 3x täglich zugestellt wurde? Heute verabreden wir uns vielleicht über Facebook oder WhatsApp zum Abendessen, zeigen auf Instagram welches Essen wir schätzen. Damals war die Postkarte das Mittel zum Zweck.

In der Früh an Freunde oder die Liebste geschrieben, konnte man sicher sein, dass man rechtzeitig die erwartete Zusage zum Abendrendezvous bekam. Und durch die vielen verschiedenen Postkartensujets die es gab, konnte man auch gleich jene wählen, die Stimmung und/oder Einladungszweck am besten ausdrücken konnten.
Science Fiction
Es ist auch die Zeit, in der die ersten Science Fiction Hefte auf den Markt kommen. Raumschiffe, Aliens und Roboter werden interessant.

In der Ausstellung finden sich daher nicht nur die ersten Hefte des Genres, sondern auch ein Bild das auf Metropolis von Fritz Lang verweist. Man kann es erblicken, wenn man durch Josef Hoffmanns „Zimmer für einen großen Star“ blickt.

Apropos „Star“
Habt ihr gewusst, dass die Wiener Werkstätten auch einen Bezug zu Donald Trump haben?
Joseph Urban baute nicht nur eine Filiale der Wiener Werkstätten in New York auf, begründete dort das American Art Deco mit, sondern entwarf auch Mar-a-Lago, das heute Donald Trump gehört.

So führt im letzten Raum ein Zeitstrahl die verschiedenen Ereignisse zusammen. Ich liebe solche Darstellungen, da man damit verschiedene Geschichtspunkte viel besser einordnen und auch die Zeit und ihre Ausprägungen besser verstehen kann.

So wurde 1927 in Florida Mar-a-Lago errichtet, während in Wien der Justizpalast brannte.
Die Luster
Die Elektrifizierung der Beleuchtung kann ebenfalls als Meilenstein in der Innenarchitektur gesehen werden und brachte wunderschöne „Beleuchtungskörper“ hervor, die neu für die Sammlungen des MAKs angeschafft wurden und die man in der Ausstellung bei entspannter Musik bewundern kann.

Das verlorene Handwerk
Mit diesen Lustern legt Markus Schinwald aber auch einen Finger in eine offene Wunde. Sie sind die „Überlebenden“ einer Zeit, in den Kunst und Handwerk verbunden waren. Die Firma Lobmeyr ist ein gutes Beispiel für eine Firma, die nicht nur über ein großes Archiv (auch aus der damaligen Zeit) verfügt, sondern auch noch die Fähigkeiten besitzt, derartige „Kunststücke“ herzustellen. Vieles an Wissen und Fertigkeiten der damaligen Zeit ging aber bereits verloren.

Textildrucke oder Messinganfertigungen wie damals scheitern heute am verloren gegangenen Wissen und Fertigkeiten. Schinwald möchte auch mit der Ausstellung auch aufzeigen, dass solche handwerklichen Fertigkeiten schnell verloren gehen können, wenn man sich nicht um ihre Bewahrung bemüht.
Die Frauen und Rote Linien
Während man also unter den Lustern sitzt und die Musik genießt, blickt man auf den Fries von Margaret Mac Donald Mackintosh „Die sieben Prinzessinnen“, der nach einem Märchen von Maurice Maeterlink für den Musiksalon des Hauses Waerndorfer entworfen wurde.

Die Neuaufstellung macht auch die Arbeiten und die Bedeutung der Frauen in der damaligen Zeit sichtbarer. Allen voran Emilie Flöge mit vielen Entwurfszeichnungen. Außerdem ist jener Raum zu sehen, den Margarete Schütte-Lihotzky für Caroline Neubacher entworfen hat. Erstmals wurde hier ein Zimmer von einer Frau für eine Frau entworfen.

Schinwald versteht es hier – wie auch bei einigen anderen Themen – Schicksale, Lebensläufe und Zeit zu verknüpfen: Margarete Schütte-Lihotzky, die überzeugte Kommunistin, die später von den Nazis als Verräterin in ein Konzentrationslager gesteckt wird, entwirft das Zimmer für Caroline Neubacher. Deren Mann stammte zwar aus einer sozialdemokratischen Familie und stand dem Wiener Werkbund nahe und galt als enger Freund von Joseph Hoffmann, aber er trat auch bald der NSDAP bei und wurde nach dem Anschluss Bürgermeister von Wien.

Auch die Person Adolf Loos und sein Leben wird in der Ausstellung dieses Mal kritisch betrachtet, wobei man – und das finde ich richtig und nicht nur hier – zwischen dem jeweiligen Werk als Künstler und persönlichen Verfehlungen unterschieden wird, wobei diese allerdings nicht unter den Tisch gekehrt werden sollten.
Die Vitrine
Neben vielen Hörstationen findet sich auch noch eine Vitrine, die besondere Objekte aus der damaligen Zeit präsentiert. Diesen Teil der Ausstellung könnte man fast als Quintessenz bezeichnen: ebenfalls in Themen gegliedert – Antisemitismus, Handwerk, das Rote Wien und sozialer Wohnbau, Kolonialismus, Japanismus, die Silberwerkstätte, Lederarbeiten, Frauen, Krieg.

Das besondere – neben den Objekten – sind jedoch die Schubladen, die sich unterhalb der Vitrine befinden. Während die erste Lade zusätzliche Informationen zu dem Thema bietet, kann man in der zweiten noch einmal besonders heikle Exponate oder solche, die einfach noch einmal das Thema vertiefen.

Meine Beschreibungen beinhalten allerdings bei weitem noch nicht alle Highlights der Ausstellung. Schon beim Eintritt in den ersten Raum werdet ihr überrascht sein, steht ihr doch vor einer Wand, die die rekonstruierte Fassade des Hoffmann-Pavillons für die Pariser Weltausstellung 1925 darstellt. Wer an ihr vorbeigeht und die dahinter integrierte Vitrine betrachtet wird das gleiche Muster bei einer Holzbox erkennen.

Diese Vergleiche, Szenen, Querverweise findet ihr in der Ausstellung immer wieder. Alte schwarz-weiß Aufnahmen von Zimmerausstattungen wurden, wo zumindest Stoffmuster von damals vorhanden waren, durch AI farblich zum Leben erweckt.

Spitzendeckchen von unglaublicher Feinheit werden mit Marionetten-Filmen kombiniert. Wer möchte, lernt Dioramen, Stereoskopie und Lentikular-Technik kennen.

Eigentlich sind es „nur“ drei Räume, die aber an die 700 Objekten und 20 Hauptthemen Platz bieten und das ohne „vollgestopft“ zu wirken.

Eine Ausstellung, die man sicher öfter besuchen muss, aber auch kann, weil einem hier so schnell nicht langweilig werden kann. Eine Schau, die auch immer wieder neue Blicke und Blickwinkel auf die Zeit, die Künstler und ihre Werke zu lässt.

Einfach eine tolle Präsentation, die ich mir sicher noch ein paar Mal anschauen werde.
Dicke Empfehlung für einen Museumsbesuch für alle, die sich für Wien 1900 interessieren, für Jugendstil, für die Künstler der damaligen Zeit, für gesellschaftliche und technische Entwicklungen, und auch für jene, die den Ursprung von heutigen Entwicklungen zurückverfolgen wollen.

Das MAK ist Dienstag von 10:00 bis 21:00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag von 10:00 bis 18:00 Uhr geöffnet, Montag ist das Museum geschlossen, außer an Feiertagen.
Zur Ausstellung gibt es ein Rahmenprogramm und Führungen, das ihr hier findet: https://www.mak.at/programm/kalender
Weitere Bilder über die Ausstellung findet ihr hier: Wien 1900 - Fotoalbum
AutorIn des Artikels: