Allein das historische Gebäude und sein Innenleben muss man einfach besuchen. Aber auch die permanenten Ausstellungen zur Evolution, zur Geschichte Tschechiens oder in die Prähistorik sind sehenswert.
Und dann gibt es ja auch noch immer wieder großartige Exhibitions zu bestimmten Themen.

Bei einem meiner letzten Besuche waren gerade Lucy und Selam zu Gast. Zum ersten Mal in Europa waren die Originalfossilien der menschlichen Vorfahren für die Öffentlichkeit zu sehen. Angereist aus dem Nationalmuseum von Äthiopien in Addis Abeba sorgten sie für einen großen Besucheransturm und besondere Sicherheitsvorkehrungen. Fotografieren? Strengstens verboten!

Dennoch haben mich die beiden ins Nationalmuseum geführt – und gleich in die anschließende Ausstellung, die jetzt auch noch läuft, während Lucy und Selam wieder nach Äthiopien zurückgekehrt sind. Die beiden – von der französischen Künstlerin Élisabeth Daynès rekonstruiert und als hyperrealistische Skulpturen präsentiert – waren natürlich die Sensation. Immerhin sind ihre Gebeine über 3 Millionen Jahre alt und stellen nicht nur für Wissenschaftler einen bedeutenden Fund dar. Irgendwie sind sie ja die Urahnen von uns allen ..
Dauerausstellung Menschen und ihre Vorfahren
Wenngleich ihr leider nicht mehr die Bekanntschaft mit den beiden machen könnt, die Dauerausstellung Menschen und ihre Vorfahren ist ebenfalls mehr als sehenswert. Sie präsentiert die Geschichte der Menschheit, von den ersten Schritten bis zum modernen Menschen.

Dabei werden nicht nur Fossilien gezeigt, sondern die Geschichte der Evolution erzählt, die sich auch in der Entwicklung des Skeletts, vor allem der Beine und der Hände widerspiegelt. Es ist ein Unterschied, ob man sich von Baum zu Baum schwingen muss oder auf zwei Beinen stehen und gehen will. Das gleiche gilt auch für die Entwicklung der Hände – um nur zwei Beispiele zu nennen.

Auch die Lebensweise, die Ernährung oder die sozialen Strukturen erfahren große Veränderungen und ändern sich ja auch bis heute.

Vorgestellt werden nicht nur unsere ältesten Verwandten wie der Australopithecus oder die ersten Vertreter der Gattung Homo, die später Afrika verließen. Man lernt auch die „verlorenen Verwandten“ wie die Neandertaler, Denisova-Menschen oder den sogenannten Hobbit – Homo floresiensis kennen.

Ein weiterer Teil der Ausstellung entführt in die Welt der prähistorischen Jäger und Sammler und bietet einen umfassenden Überblick über paläolithische Funde aus Tschechien, darunter ein weltberühmtes Artefakt aus der Sammlung des Nationalmuseums – einen Abguss eines Neandertalschädels aus Gánovce, der etwas 105.000 Jahre alt ist, wie auch Funde aus der Mammutknochenfundstätte Dolní Věstonice.

Außerdem sind Rekonstruktionen von Behausungen aus dem 6. Jahrhundert vor Christus zu sehen, filigraner Muschelschmuck, mediterrane Figuren und älteste Zeugnisse der Textilherstellung oder Kupferobjekte.
Bei meinem Weg zu weiteren Ausstellungen habe ich mich dann erst so richtig im Gebäude umgesehen. Und das solltet ihr auch unbedingt machen. Meines Erachtens gehört der alte Bau, der nun mit einem unterirdischen Gang mit dem neuen Haus verbunden ist, zu den Schönsten, die ich in Prag bis dato gesehen habe.
Das Pantheon des Nationalmuseuns
Allein wegen dieser Halle muss man das Museum schon besuchen. Josef Schulz entwarf 1890 den Innenraum des Festsaals. Wand- und Portalverzierungen, Fließen, Büsten und Statuen – all das ist zu einem harmonischen Ganzen zusammengefügt und repräsentiert das kulturelle und wissenschaftliche Leben Böhmens: 54 Bronzestatuen und – büsten verweisen hier auf die wichtigsten Persönlichkeiten und natürlich dürfen zur damaligen Zeit auch zwei Marmorbüsten des Kaiserpaares (Kaiser Franz Joseph I. und Sisi, gestaltet von Antonín P. Wagner, 1891) nicht fehlen.

Unbedingt sehenswert der Blick zur Decke und den Lünetten von František Ženíšek - Přemysl Oráčs Berufung zum Ordensamt, Methodius vollendet die Übersetzung der Heiligen Schrift in Velehrad vor seinem Tod im Jahr 885 (1903), Václav Brožík – Karl IV. gründet die Universität Prag im Jahr 1348, und Jan Amos präsentiert seine didaktischen Werke dem Amsterdamer Stadtrat im Jahr 1657 (1898) und den Gemälden von Vojtěch Hynais – Macht und Fortschritt, Inspiration, Kunst und Wissenschaft (1899–1900).

Die Glaskuppel mit dem böhmischen Haupt in der Mitte wurde bei der Museumsrekonstruktion (2015-2019) anhand von erhaltenen Originaldokumenten aus dem 19. Jahrhundert restauriert.

Wer noch mehr über das Pantheon und die dargestellten Persönlichkeiten wissen möchte, kann sich eine App (https://www.nm.cz/en/national-museum-in-your-pocket) downloaden und ganz in die Geschichte eintauchen.

Ich habe die App bei meinem ersten Besuch nicht getestet, aber da ich sowieso noch nicht alle Dauerausstellungen gesehen habe und es sowieso immer wieder interessante Sonderausstellungen gibt, werde ich es bei einem meiner nächsten Besuche ausprobieren.

Zwei weitere Expositionen habe ich bei diesem Besuch noch geschafft und davon will ich noch kurz erzählen:
Wunder der Evolution
Hier erwartet uns nicht nur das riesige Skelett eines Finnwals, sondern weitere 1.500 einzigartige Objekte wie zum Beispiel auch die japanischen Riesenspinnen, von denen auch das Naturhistorische Museum in Wien einige Exemplare besitzt.

Die naturwissenschaftliche Ausstellung hier in Prag wurde neu konzipiert und sie erscheint mir moderner als in Wien zu sein. Sieben Hallen bieten auf insgesamt 2.000m2 einzigartige und seltene Exponate wie einen Weißen Hai, einen Zwergwal oder das größte Modell der Welt eines Riesenkalmars mit einer Länge von 17 Metern.

Moderne Multimedia-Technologien sorgen dafür dass auch in unserer schnell lebigen Zeit keine Langeweile aufkommt. Gleich in der Eingangshalle kann man per Videomapping einen Überblick über die gesamte Ausstellung erhalten und „lebendige“ Bilder von Tiere sind zu sehen, denen man später selbst begegnen kann.

Auf die jüngeren Besucher warten außerdem interaktive Element, die den Besuch kurzweilig gestalten: auf Holztafeln mit Tierfiguren in Comic-Stil kann man auch weniger bekannte Informationen über Tierarten entdecken. Viele Exponate sind Anfassen und wer möchte kann direkt in das Maul einer vergrößerten Viper blicken oder testen wie viel Kraft es braucht um eine geöffnete Riesenmuschel zu schließen.

Oder vielleicht möchtet ihr ja auch einen Tausendfüßler durch enge unterirdische Gänge lotsen …
Geschichte
Die nächste und letzte Dauerausstellung, die ich an diesem Tag geschafft habe, widmet sich der Geschichte der tschechischen Länder vom 8. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg. Da es in dieser Zeit ja viele Gemeinsamkeiten in der Geschichte unserer beiden Länder gab und ich der Meinung bin, dass man seine „geschichtliche“ Vergangenheit kennen sollte – schon um den „Nachbar“ (aber auch sich selbst) besser verstehen zu können, wollte ich mir diese Exposition noch unbedingt anschauen.

Auch hier wird man wieder durch sieben Säle geführt, die mit einer großen Anzahl an Sammlungsstücke diese lange Zeit illustrieren. Vom Mittelalter und der Besiedelung des Gebiets des heutigen Tschechiens, dem Ferrari seiner Zeit – der Erzbischofskutsche aus dem 18. Jahrhundert bis zu Schmuckstücken und Artefakte erfährt man hier mehr über die Entstehung des tschechischen Staates und die Kontakte zu den Nachbarländern. Kunst, Kultur, Religion und Kriege werden thematisiert und natürlich spielen auch die Habsburger, höfische Kultur und die Aufklärung eine Rolle.

Bedeutende wissenschaftliche Kenntnisse werden beleuchtet, wie auch Regierungsformen in der Monarchie, liberale Reformen oder die Entstehung des Nationalbewusstseins. Wenn man sich diese Exposition genauer anschauen will, kann man wahrscheinlich einen ganzen Nachmittag darin verbringen. Allein wenn man sich alle Videos ansehen oder mit einer VR-Brille in die verschiedenen Epochen eintauchen und dabei noch interessante Persönlichkeiten wie den Komponisten Antonín Dvořák, Unternehmer Tomáš Baťa und andere kennenlernen möchte.

Das habe ich an diesem Tag aber eben so wenig geschafft, wie ein mittelalterliches Schwert oder eine Keule zu heben oder gar einen Helm aufzusetzen.
Ich werde also wiederkommen müssen ….

Das Nationalmuseum ist täglich von 10:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. In der Hauptsaison, an Wochenende und bei speziellen Sonderausstellungen empfiehlt es sich die Tickets online zu kaufen. Sollte der Besucherandrang sehr groß sein, werden Ticketbesitzer beim Einlass vorgezogen. Informationen über Tickets, aktuelle Ausstellungen und Sonderschauen findet ihr unter https://www.nm.cz/en

Nationalmuseum Prag (Národní muzeum)
110 00 Praha 1 – Nové Město, Václavské náměstí 1700/68
Tel: +420 224 497 1111
Email:
Der Besuch erfolgte im Rahmen einer Pressereise auf Einladung von Czech Tourism Wien