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Nein, das Kristalltal liegt nicht in Wattens oder Kufstein, wobei sich zu Swarovski und Riedel „Verwandtschaftsverhältnisse“ nachweisen lassen. Auch von Murano bei Venedig ist nicht die Rede. Wir fahren nach Tschechien….

Glas ist ein ganz besonderer Stoff, der mich schon immer fasziniert hat. Könnt ihr euch noch an die geschliffenen Kristallgläser erinnern, die immer nur zu ganz speziellen Anlässen auf den Tisch kamen? Oder die Riesenluster in Theatern, Opern und Schlösser?

Manche Glasluster beeindrucken auch heute noch. Dieser ist in der Glashütte Harrachov zu sehen.
Manche Glasluster beeindrucken auch heute noch. Dieser ist in der Glashütte Harrachov zu sehen.

All das galt in meiner Zeit schon als „sehr kitschig“, aber dann kam das farbige Glas, die funkelnden Steinchen von Swarovski mit seinen beeindruckenden Kristallwelten in Wattens, Riedel mit seinen speziellen Weingläsern, die man einfach haben musste und auch das eine oder andere Schmuckstück – und plötzlich war Glas wieder in. Bei mir zumindest. Da freut eine Einladung zum Crystal Valley natürlich sehr.

Wir starten relativ früh von Wien weg, die Anreise ist doch etwas länger, denn das Kristalltal liegt im Dreiländereck Tschechien, Polen und Deutschland. Wer diese Strecke nicht auf einmal durchfahren will, findet entlang des Weges viele interessante Sehenswürdigkeiten, die es lohnen einen Stopp, einen Abstecher, eine Übernachtung einzulegen. Doch das werden andere Geschichten ...

Auch Glasperlen können faszinieren 
Auch Glasperlen können faszinieren 

Jetzt geht es einmal auf dem schnellsten Weg zum Kristalltal und um alle Geschichten rund um Glas, Glasherstellung, Künstler und die vielen Glashütten und –manufakturen. All die schönen Dinge, die man bei so einer Reise zusätzlich noch machen kann, dafür gibt es dann – kurz eingestellt – die unterschiedlichen Links im Artikel.

Wir kommen jedenfalls hungrig nach einer vierstündigen Fahrt (mit kurzen Pausen) bei der Glashüttenschenke Ajeto in Lindava an, die nicht nur wegen der Speisen und Getränke einen Stopp wert ist.

Die Glashütte Ajeto und die Glashüttenschenke Sklářská Krčma

Die Glashütte Ajeto wurde 1992-1994 auf dem Areal einer früheren Textilfirma errichtet. Die Idee dazu stammte von den beiden legendären tschechischen Künstlern Bořek Šipek und dem Glasmacher Petr Novotný. Hier in Lindava trafen sich von Beginn an berühmte Glaskünstler, Designer, Architekten, Schauspieler und Filmemacher. Nach der Gründung von Lasvit (deren sehenswerte Firmenzentrale wir anschließend besuchen) übernahm dieses Unternehmen einen Minderheitsanteil an der Glashütte Lindava, 2017 wurde Lasvit dann hundertprozentiger Eigentümer.

Schon am Parkplatz wachsen Glasbäume 
Schon am Parkplatz wachsen Glasbäume 

In der Glashütte Ajeto stellt Lasvit inbesondere seine Lampen und Gebrauchsglas-Kollektionen her, die von den tschechischen Glasmacher-Legenden Bořek Šipek und René Roubíček, aber auch von internationalen Künstlern wie den Japanern Nendo und Jengo Kumo oder dem brasilianischen Künstler-Duo Campana Brothers entwickelt wurden. Bei unserem Besuch ist die Glashütte noch urlaubsbedingt geschlossen, aber wir sind hungrig und eilen in die Schenke. Doch schon am kurzen Weg vom Parkplatz zur Schenke ziehen uns einige Glasskulpturen in den Bann. Während der normalen Betriebszeiten können auch Führungen gebucht werden.

Die Glashüttenschenke

Wenn ihr bei milden Temperaturen die Schenke besucht, kann ich euch nur empfehlen, auf der Terrasse mit Blick auf den Teich Platz zu nehmen. Nichts destos trotz ist aber auch der innere Gastraum schön gestaltet.

Ab geht´s in die Schenke 
Ab geht´s in die Schenke 

Bemerkenswert sind die modernen Interpretationen der Luster an der Decke; werft aber mindestens einen (!) Blick auf die ausgestellten Glaskunstwerke (von Vasen über Lampenschirme bis zu den Pokalen der Tour de France) und spätestens dann ist es Zeit sich den beiden Glasbläsern zu widmen, die hier vor Ort ihrer Arbeit nachgehen.

Kristallluster neu interpretiert 
Kristallluster neu interpretiert 

Ein Ofen ist in Betrieb, es muss also im Sommer wahnsinnig heiß in seiner unmittelbaren Umgebung sein. Wahrscheinlich auch deshalb steht den Arbeitern ein Deputat von Bier während ihrer Arbeit zu. Damit sie allerdings ohne „Rausch-Beeinträchtigung“ weiterarbeiten können, wurde und wird hier Bier mit niedrigem Alkoholwert gebraut (um die 2,5%), dieses entspricht ungefähr dem tschechischen Wert von 6-8°.

Beim Essen kann man den Glasmeistern über die Schulter schauen und dann sein eigenes Souvenir kreieren 
Beim Essen kann man den Glasmeistern über die Schulter schauen und dann sein eigenes Souvenir kreieren 

Bier wird hier also nicht so sehr wegen seines Alkoholanteils geschätzt, sondern wegen der vielen Mineralstoffe, die beim Arbeiten in der großen Hitze verloren gehen.

Von hier kommen auch die Pokale der Tour de France 
Von hier kommen auch die Pokale der Tour de France 

Ein Arbeiter holt einen „Klumpen“ oder „Tropfen“ Glasmasse aus dem Ofen, der dann mittels Atem und einem Model in Form gebracht wird. Allein das Anbringen des Henkels finde ich faszinierend. Und wer will, kann selbst ausprobieren, ob er sich für diese Tätigkeit eignet – ich lass es diesmal lieber sein - und sich ein originelles Souvenir von der Reise mit nach Hause nehmen. Die Glasbläsermeister unterstützen natürlich alle Neulinge dabei.

Der Glasofen ist in Betrieb 
Der Glasofen ist in Betrieb 

Alles weitere über die Glashüttenschenke, vor allem was es zu essen gibt und wie es uns geschmeckt hat, erfahrt ihr hier mit einem Klick.

Blick von der Terrasse auf die "Glasinsel"
Blick von der Terrasse auf die "Glasinsel"

Bevor ihr aber weiterfahrt solltet ihr euch, wie schon erzählt, noch am Parkplatz und vor der Schenke umsehen: hier stehen einige ganz spezielle Glaskunstwerke.

Die Glashütte und Schenke Ajeto
471 58 Cvikov, Lindava 167
www.ajetoglass.com

Lasvit in Nový Bor

Wir reisen weiter nach Nový Bor, in eines der Zentren des Kristalltals. Wer sich mehr für die Sehenswürdigkeiten der Stadt interessiert, hier findet ihr einen schnellen Rundgang durch die Stadt.

Das weiße Haus von Lasvit in Nový Bor 
Das weiße Haus von Lasvit in Nový Bor 

In diesem Artikel sind wir aber „nur“ am Glas interessiert und da hat Nový Bor auch einiges zu bieten.

Der Firmeneingang von Lasvit 
Der Firmeneingang von Lasvit 

Nový Bor ist eine junge Stadt, die ihre Entwicklung vor allem dem Verkauf und der Erzeugung von Glas verdankt. Schon bald nach der Gründung konzentrierte man sich hier auf die Verarbeitung und den Verkauf des Glases aus den Glashütten der Umgebung, 1754 entstand bereits die erste Glasverkaufsgesellschaft. Friedrich Egermann erfand in Nový Bor das Achatglas, Perlmutt- und Biskuit-Emaille, Lithyalinglas und die gelbe und rote Lasur erreichte 1832 Weltgeltung.

Die Vaclav Havel Bank in Nový Bor 
Die Vaclav Havel Bank in Nový Bor 

Bereits 1869 wurde hier die Glasfachschule Haida (so der frühere Name von Nový Bor) gegründet, die 1926 mit der Glasfachschule in Steinschönau (Kamenický Šenov) zusammengelegt wurde. Die böhmische Glaskunst wurde weltweit verkauft, unter andere wurden Kunstgläser nach Entwürfen von Joh. Oertel & Co, auch über die Wiener Werkstätte angeboten.

Einzigartige Glasbilder begrüßen gleich im Vorraum die Besucher 
Einzigartige Glasbilder begrüßen gleich im Vorraum die Besucher 

Glasfans sollten das Museum besuchen, das sich gegenüber dem Rathaus befindet. Über der Tür des Glasmuseums kann man ein „Wappen“ mit Anker sehen – dem Zeichen der Glashändler. Am Hauptplatz steht auch die sogenannte Vaclav Havel Bank: zwei Sessel und ein Tisch, wo sich zwei Menschen treffen und im Dialog miteinander austauschen können.

Blick auf das Glasmuseum in Nový Bor 
Blick auf das Glasmuseum in Nový Bor 

Im Ort, wenn auch ein bisschen außerhalb der Stadtmitte befindet sich die Zentrale und die Herstellung des größten Trinkglasherteller: Crystalex. Alle drei Jahre ist Nový Bor die Heimat eines Glas-Symposiums, das heuer -  2021 - bereits seinen 16. Jahrgang erlebt. Vier Tage lang treffen sich in den Glashütten des Tals Künstler aus aller Welt um zu arbeiten und ihre neuesten Kreationen zu zeigen. Außerdem freut sich das Publikum über offene Türen in den Glashütten und ein Festtagsprogramm am Marktplatz. Crystalex veranstaltete früher diese Symposien, seit 2009 richtet es nun die Stadt aus.

Das schwarze Haus von Lasvit 
Das schwarze Haus von Lasvit 

Wir wandern aber zur neuen Firmenzentrale von Lasvit und auch diese ist bemerkenswert. Zwei alte Barockhäuser aus dem Jahre 1719 wurden hier miteinander verbunden. Das schwarze und das weiße Haus stehen beide in enger Verbindung mit der Glaserzeugung. In einem der Häuser war sogar früher eine Glasmanufaktur untergebracht, später eine Glasschule.

Das alte Innenleben der Häuser wurde erhalten 
Das alte Innenleben der Häuser wurde erhalten 

Während das weiße Haus über und über mit Glasplatten übersät ist, soll das schwarze Haus an den Schiefer, einen traditionellen Baustoff in dieser Gegend erinnern. Im Inneren wurden die alten Teile der Häuser geschmack- und respektvoll renoviert und lassen die Besucher beim Rundgang staunen: so kann man nicht nur die hölzernen Stifte sehen, die früher die Fassadenwände gehalten haben, sondern auch in einen 21 Meter tiefen Brunnen blicken und auch noch die Originaltüren aus dem 18. Jahrhundert bewundern.

Bei der Führung im Inneren
Bei der Führung im Inneren

Das sind aber nicht die einzigen Überraschungen, die man bei einem Besuch erlebt. Schon im Vorraum beim Eingang fallen zwei Glasplastiken auf, die eine Allegorie über die Herstellung von Glas erzählen: Feuer und Glas I und II.

Die verschiedenen Siegerpokale der Tour de France
Die verschiedenen Siegerpokale der Tour de France

Lasvit ist auf Lampen und Lichtinstallationen spezialisiert. Allein wenn ihr durch die Galerie ihrer Website klickt, werdet ihr aus dem Staunen nicht herauskommen, was man alles mit Glas machen kann: https://www.lasvit.com/projects/ Wahnsinn! Wenn mir nur nicht das nötige Kleingeld fehlen würde!

Ein einzigartiger Pokal
Ein einzigartiger Pokal

Auch die Liste mit den Namen der Designer, mit denen Lasvit zusammengearbeitet hat ist lang und durchaus prominent. Zu finden mit ihren Kreationen sind sie hier: https://www.lasvit.com/designers/

Auch wunderschöne Gläser werden hier gefertigt
Auch wunderschöne Gläser werden hier gefertigt

Kein Wunder, dass der Pokal für die Tour de France oder den Britt Award und noch einige andere Auszeichnungen hier entwickelt und erzeugt wurden.

Die "kleinen" Drachenzähne und Schuppen - schaut euch aber die Originaldrachen an 
Die "kleinen" Drachenzähne und Schuppen - schaut euch aber die Originaldrachen an 

Beeindruckend sind auch die drei riesigen Drachenzähne, die sich in der Ausstellung finden. Sie gehören zur derzeit größten Lichtinstallation weltweit. Die schillernden Drachen sind über 60Meter lang und wiegen 40 Tonnen, ein Drache hat ungefähr 13.000 Schuppen, die alle mit Swarovski Elementen handgemacht wurden. Auch eine dieser Schuppen kann man in der Ausstellung bewundern. Bilder der riesigen Drachen findet ihr hier: https://www.lasvit.com/project/imperial-palace-saipan/#gallery

Einmal in der Woche kann man sich hier einer Führung anschließen - und es lohnt sich wirklich. Nicht nur, um die erwähnten Drachenzähne und Pokale aus der Nähe zu sehen, sondern auch um die Geschichte der beiden Häuser kennen zu lernen und einen Blick auf die Verbindung zwischen alt und neu zu werfen, die wirklich sehr gelungen ist.

Lasvit Headquater
473 01 Nový Bor, Palackého nám. 170
www.lasvit.com 

Novotny Glass

Wir machen noch einen kleinen Abstecher zum Herrenhausfelsen (mehr über die Steinorgel Tschechiens erfährst Du hier) und fahren zum Abendessen ins Restaurant Hut, das zur Glashütte Novotny gehört. Hier kann man nicht nur ausgezeichnet speisen, sondern auch den Glasmeistern bei der Arbeit zu sehen. https://restauracehut.cz/poledni-menu

Die Glasmeisterin bei der Arbeit im Novotný Glas Studio
Die Glasmeisterin bei der Arbeit im Novotný Glas Studio

Das Novotny Glass Studio, das mit seinem Museum im selben Haus wie das Restaurant untergebracht ist, ist eine kleine Familienglashütte, die vom weltbekannten Glasmeister Petr Novotný gegründet wurde. Dazu gehören auch eine Schleiferei und Werkstätten, in denen Glaswerkzeuge hergestellt werden.

Blick auf die Glasöfen
Blick auf die Glasöfen

Außerdem gibt es ein tolles Museum, das unter anderem auch Werke von internationalen Glasmeistern zeigt, die hier bei den verschiedenen Symposien entstanden sind und alle sehenswürdig sind. Also keinesfalls verpassen, hierher einen kleinen Abstecher zu machen. Das Museum ist von Dienstag bis Sonntag von 9:00 bis 17:00 Uhr geöffnet: https://novotnyglass.cz/de/museum

Hier noch ein kleiner Überblick über die Ausstellung:

Novotny Glass
473 01 Nový Bor, T.G. Masaryka 805
www.novotnyglass.cz 

Danach checken wir im Hotel Kleis ein. Hier gibt es nicht nur ein Hotel, sondern gleich nebenan ein Restaurant und eine Bierbrauerei. Wieder einmal kann ich nicht widerstehen und muss vom Cvikov-Bier doch glatt eine (1 1/2l) Flasche Bier als Souvenir mitbringen. Ich kann nur eines sagen: Es hat sich gelohnt. Ich habe das sogenannte „Gemischte Bier“ gewählt und es hat uns auch in Wien ausgezeichnet geschmeckt.

Das Hotel Kleis mit der Brauerei Cvikov 
Das Hotel Kleis mit der Brauerei Cvikov 

Die Nacht ist ruhig, das Bett ist gut und unter dem Dach schläft es sich hervorragend. Mehr über das Hotel erfahrt ihr hier.

Nach einem ausgezeichnetem Frühstück geht es am nächsten Tag gleich weiter mit der „Glasbesichtigung“ und nun kommt mein absolutes Highlight der Tour:

Die Mini-Glashütte Pačinek mit dem Kristallgarten und der Kristall-Kirche

Hier sind Künstler am Werken. Von außen sieht alles ja noch ziemlich unscheinbar aus. Ein paar Häuser, vis à vis eine leicht verfallene Kirche, ein neuer Kinderspielplatz. David Sobotka begrüßt uns herzlich und erzählt uns die Geschichte der Glashütte und ihrer Gründer.

Glasmeister und Designer Jiří Pačinek mit Yvette Polasek 
Glasmeister und Designer Jiří Pačinek mit Yvette Polasek 

Das Gebäude, vor dem wir stehen, war früher eine alte Reparaturwerkstätte für Traktoren und vor acht Jahren noch eine Ruine. Heute bemüht man sich, das Ensemble wieder so herzurichten wie es früher einmal war.

Ist es eine echte Blumen oder eine Glasblume? 
Ist es eine echte Blumen oder eine Glasblume? 

Unser Guide, Herr Sobotka stammt aus einer Glasmacherfamilie, er hat bereits mit 13 Jahren angefangen sich für die Glasherstellung zu interessieren, während Herr Pačinek eher zu den „Spätberufenen“ gehörte. Er wusste eigentlich nicht so recht, welchen Beruf er ergreifen sollte, bis ihm ein Freund ihm den Tipp gab, doch einmal in einer Glashütte vorbei zu schauen. Pačinek war damals 18 Jahre und ihm gefiel, dass hier starke Männer im Rauch und Schweiße ihres Angesichts kunstvolle Dinge herstellten.

Ein Traum von einem gläsernen Baum gleich beim Eingang zur Glashütte 
Ein Traum von einem gläsernen Baum gleich beim Eingang zur Glashütte 

So begann er in der Glashütte zu arbeiten und es ist bis heute noch sein Traumberuf. Heute arbeiten 15 Mitarbeiter mit ihm, es gibt neben der Glashütte noch eine Schleiferei, Lagerräume, technische Räume und eine Verkaufsgalerie und Pačinek zählt zu den bedeutendsten Glasdesigner der Gegenwart.

Der Kristallgarten

Ich blicke mich kurz um und meine Augen bleiben auf einem „Glasbaum“ hängen. Sieht einfach wunderschön aus, ich bin beeindruckt. Doch da bittet uns David Sobotka schon in den sogenannten Kristallgarten und ein Platz der Wunder tut sich auf. Gleich am Anfang wachsen auf einem Stein nicht nur echte Pflanzen (ich glaube man nennt sie Hauswurz), sondern auch ihre „Glasableger“. Wer nicht genau hinschaut, wird den Unterschied gar nicht erkennen.

Die Flamingos im Kristallgarten 
Die Flamingos im Kristallgarten 

Links und rechts wachsen ganz besondere Glaspflanzen aus dem Boden, ein Baum ist mit kreativen Früchten oder Blättern (?) geschmückt, in einem – im Moment ausgetrockneten Bachbett – stehen graziöse Flamingos in allen Farben, zahlreiche Skulpturen bringen mich zum Staunen, bei einigen Steinen sind farbige Kugeln versteckt, Fantasieblumen wachsen in den Himmel und auch ein Oktopus räkelt sich im Kies.

Auch ein Oktopus räkelt sich im Kristallgarten 
Auch ein Oktopus räkelt sich im Kristallgarten 

David erzählt uns, dass in diesem Wundergarten des Glases auch hin und wieder Konzerte für ein kleines Publikum veranstaltet werden. Wow, das muss echt toll sein, in einer warmen Sommernachtsatmosphäre hier zu sitzen und musikalischen Klängen zu lauschen, stell ich mir echt sensationell vor. „Leider“ sind wir aber am Vormittag zu Gast und es ist auch in naher Zukunft kein Konzert geplant. Aber David hat noch eine weitere Überraschung für uns bereit: die Kristallkirche.

Highlights aus dem Kristallgarten:


 

Die Kristallkirche

Der dreischiffige klassizistische Bau mit seinem Turm wurde 1831 bis 1833 anstelle der früheren hölzernen Pfarrkirche St. Nikolaus errichtet, die wahrscheinlich 1425 von den Hussiten niedergebrannt worden war.

Die Kristallkirche 
Die Kristallkirche 

Lange Zeit gab es daher nur eine kleine Kapelle (St. Joseph) für die Gläubigen im Ort. 1828 war es dann aber soweit: die Reichstädter Herrschaft lieferte das Bauholz und das Material zum Dachdecken, der Bezirksingenieur plante den Bau und die Bevölkerung half tatkräftig beim Bau mit. Es wird erzählt, dass die Einwohner freiwillig fast 600 Fuhren mit Feldsteinen für das Fundament der Kirche brachten. 1832 erklangen zum ersten Mal die Glocken im hölzernen Turm, 1833 wurde die Kirche vom Bischof in Anwesenheit der Zwickauer Scharfschützen feierlich eingeweiht. 1836 erhielt die Kirche eine neue Orgel, 1853 wurde die Turmuhr erworben, die sich ursprünglich auf der Burg Tollstein befand, 1882 wurde eine neue Kirchenuhr angeschafft, eine neue Monstranz gespendet und eine neue Weihnachtskrippe aufgestellt. 1862 erwarb man auch den Empire-Barock-Altar.

 Diese beiden Kunstwerke sieht man gleich beim Eintreten: Der Kristallengel und der Kristallluster 
Diese beiden Kunstwerke sieht man gleich beim Eintreten: Der Kristallengel und der Kristallluster 

1916 wurde die Große Glocke vom Staat requiriert, 1921 durch eine neue Marienglocke ersetzt. Die Kreuzerhöhungskirche – so ihr Name – ist 43,5 Meter lang und 17 Meter breit.

David erzählt uns alles über die Kunstobjekte in der Kirche 
David erzählt uns alles über die Kunstobjekte in der Kirche 

In dieser Kirche nebenan, deren sieben Bogenfenster Licht spenden, hat Jiří Pačinek mit seinem Team ebenfalls Erstaunliches geschaffen. David holt einen alten großen Schlüssel hervor und wir treten in die nächste Wunderwelt ein.

Der Kristallengel 
Der Kristallengel 

Gleich als erstes fällt der große Kristallleuchter auf, der an die Dornenkrone Christi erinnert, darunter ein wunderschöner Glasengel, der seine Flügel in den Himmel richtet. Es empfiehlt sich jedoch ein längeres Verweilen in der Kirche: hier sind mehr als dreihundert Glasobjekte von Jiří Pačinek installiert, die es zu bewundern gilt.

Das Corona-Virus und seine Feinde 
Das Corona-Virus und seine Feinde 

Vasen, Gefäße, eine Krippendarstellung, Pferdeköpfe (ein Lieblingsmotiv von Pačinek), Bilder und deren Pendants in Glas, bei der Orgel hängt ein weiterer Kronleuchter nach einem Entwurf von Barbora Jarošova; ja, es gibt sogar das Corona-Virus in Glas dargestellt, umringt von einer einmaligen Serie von Antiviren, die das verflixte Virus besiegen sollen. Einmalig.

In der Kristallkirche gibt es viele wunderschöne Objekte zu bestaunen 
In der Kristallkirche gibt es viele wunderschöne Objekte zu bestaunen 

Doch dann gibt es noch ein zusätzliches Highlight. Bevor die Glasobjekte in die Kirche übersiedeln konnten, wurde erst einmal ein Monat lang gründlich aufgeräumt und ein „Tisch“ entdeckt, von dem man zuerst nicht wusste, dass dazu auch noch ein Oberteil existieren sollte. Doch auch dieses wurde kurze Zeit später gefunden und zusammen ergeben die beiden Teile ein Kunstwerk von denen weltweit nur mehr 8 Objekte erhalten sind.

Das „Wunder von Kunratice“ 
Das „Wunder von Kunratice“ 

Angeblich gab es Hunderte davon, die in Olmütz ab 1840 erzeugt wurden. Das „Wunder von Kunratice“ ist anscheinend um das Jahr 1860 gebaut worden. Es fehlt keine einzige Perle und kein Glasstück. Die Figuren sind aus Papiermaché, der dunkle Hintergrund wurde aus Lederpapier gearbeitet, um die Figuren herum kann man einen klassischen Schusterstich sehen, jede der Perlen steckt in einem genau passenden Loch. Da man es früher von hinten mit Petroleumlicht beleuchtet hat, gibt es auch Öffnungen zur Entlüftung, um einen Brand zu vermeiden. Diese „Altäre“ wurden früher immer drei Tage vor dem Osterfest aufgestellt. Angeblich hat sogar der Papst 1895 bei einer kirchlichen Verkaufsmesse solch ein Kunstwerk gekauft und es der Kathedrale von Karthago geschenkt.

Beleuchtet ist es noch beeindruckender 
Beleuchtet ist es noch beeindruckender 

Wir schauen uns noch ein bisschen im Kirchenraum um und müssen dann leider die Wunderwerke aus Glas wieder verlassen.

Diese Vase faszinierte auch eine Prinzessin. Daher steht sie heute im Palast von Bhutan. 
Diese Vase faszinierte auch eine Prinzessin. Daher steht sie heute im Palast von Bhutan. 

Zum Abschluss muss ich darauf hinweisen, dass hier auch für eine amerikanische Filmproduktion Glasskulpturen hergestellt wurden, die in einem neuen Film mit Daniel Graig auftauchen werden. Mehr wurde uns leider nicht verraten.

Die Meister bei der Arbeit
Die Meister bei der Arbeit

Außerdem soll nicht unerwähnt bleiben, dass sich die Prinzessin von Bhutan in eine Vase von Pačinek verliebte und diese nun im Palast von Bhutan steht.

Glass Studio Kunratice
471 55 Kunratice u Cvikova, Kunratice u Cvikova 147
www.pacinekglass.com 

Zum Mittagessen besuchen wir das Berghotel auf dem Jeschken (mehr darüber hier) bevor wir uns in der Stadt Liberec ein bisschen umsehen. Mehr darüber könnt ihr hier lesen.

Fernsehturm, Hotel und Restaurant am Jeschken, das Wahrzeichen der Liberec Region 
Fernsehturm, Hotel und Restaurant am Jeschken, das Wahrzeichen der Liberec Region 

Dann geht es weiter nach Hejnice, wo wir im ehemaligen Kloster neben der Wallfahrtskirche Maria Heimsuchung zu Abend essen und auch übernachten. Hier findet ihr mehr über die Wallfahrtskirche und das ehemalige Kloster

Die Wallfahrtskirche und das ehemalige Kloster Hejnice 
Die Wallfahrtskirche und das ehemalige Kloster Hejnice 

Doch unsere Glastour ist noch nicht abgeschlossen. Nach dem Frühstück reisen wir nach Harrachov.

Die Glashütte Harrachov

Sportfans wird der Name Harrachov vom Skispringen her bekannt sein. Am Rande der Stadt befindet sich eine Skiflugschanze, die zu den größten der Welt gehört. Thomas Morgenstern hält hier den Rekord seit 2011 mit 214 Metern. (Stand September 2021)

Blick auf die Skiflugschanze Harrachov 
Blick auf die Skiflugschanze Harrachov 

Harrachov ist aber nicht nur ein bedeutender Skiort, hier steht auch die älteste Glashütte der Tschechischen Republik. Von den Grafen Harrach gegründet, ist sie seit 1712 ununterbrochen in Betrieb und feierte unlängst ihren 300. Geburtstag.

Bei der Führung in der Glashütte von Harrachov 
Bei der Führung in der Glashütte von Harrachov 

In einer großen Halle kann man den Glasbläsern hautnah bei der Arbeit zusehen. Jeder der großen Glasöfen hat drei Öffnungen von denen die Glasmasse geholt wird, in eine Form aus Buchenholz „geblasen“ wird und nach Fertigstellung der Form an ein Förderband gehängt wird, dass das Glas in einen speziellen Ofen zur weiteren Abkühlung bringt. Vielleicht habt ihr schon einmal die Gläser gesehen, die einen Knoten im Stiel haben? Das Patent für die Herstellung des Glasstiels mit Knoten liegt hier bei der Glashütte Harrachov.

Bei der Führung in der Glashütte Harrachov 
Bei der Führung in der Glashütte Harrachov 

Alle 30 Minuten gibt es eine Führung, die man auch in Englisch oder Deutsch absolvieren kann. 90% der Produktion geht ins Ausland, das meiste davon in die USA und nach Skandinavien. Große Hotelketten und Händler bestellen hier ihre mundgeblasenen Gläser, die in Handarbeit produziert werden. In der Glasproduktion arbeiten im Moment 75 Arbeiter.

Blick auf einen Glasofen 
Blick auf einen Glasofen 

An die Glashütte ist auch eine Glasschleiferei angeschlossen, die – obwohl technisches Denkmal – heute noch immer zum Glasschleifen verwendet wird und ebenfalls besichtigt werden kann. 
Unbedingt sehenswert ist auch das Glasmuseum, das an die Glashütte angeschlossen ist.

Die Schleiferei in Harrachov steht unter Denkmalschutz 
Die Schleiferei in Harrachov steht unter Denkmalschutz 

Tipp: Unbedingt auch einen Abstecher in den Glasshop machen. Hier findet ihr nicht nur Vasen und tolle Glasblumen, sondern auch kreativen Christbaumschmuck und wunderschöne Gläser (egal ob Weiß- oder Rotwein, Limo, Wasser- oder Schnapsgläser) zu wirklich hervorragenden Preisen

Im Shop gibt es wunderschöne Gläser zu kaufen 
Im Shop gibt es wunderschöne Gläser zu kaufen 

Wer länger im Ort bleiben will, kann sich im Hotel, das zur Glashütte gehört, einquartieren. Achtung: im Zweisternhotel gibt es nur in einigen Zimmern eigene Duschen und Toiletten.

Auch in Harrachov ist die Ausstellung sehenswert 
Auch in Harrachov ist die Ausstellung sehenswert 

Empfehlenswert ist aber auf jeden Fall ein Bierbad mit frischem Bergwasser, dem 5 Liter helles und 5 Liter dunkles infiltriertes Bier sowie gemahlener Hopfen beigemischt werden, nehmen und das einen Verjüngungseffekt auslösen soll. Hungrige nehmen im Restaurant mit Brauhaus Platz und können von dort aus auch die Glaserzeugung verfolgen, das Hefebier verkosten und aus regionalen Spezialitäten des Riesengebirges wählen.

Glashütte Harrachov
512 46 Harrachov, Nový Svět 95
www.sklarnaharrachov.cz 

Nach so vielen Besichtigungen meldet sich auch wieder der Hunger. Ein Ausflug nach Příchovice ins Restaurant U Čapa (zum Storch) lohnt. Hier kann man auch einiges über Jara Cimrman (Zimmermann) erfahren, einem ganz besonderen Tschechen. Mehr über ihn und das Restaurant erfahrt ihr hier: https://ucapa.eu

Hier kann man aber auch im Winter skifahren oder – Sommer wie Winter – auf einen Aussichtsturm klettern, das Museum besuchen oder übernachten.

Nach Mittagessen und einem guten Kaffee fahren wir weiter und ergründen eine ganz spezielle Glasmanufaktur

Rautis

Die Herstellung von Glas und Kristallglas hat in der Tschechischen Republik eine jahrhundertealte Tradition. In Poniklá gibt es aber dabei eine ganz besondere Technik, die sogar im Dezember 2020 in die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes eingetragen wurde. Hier werden in einer speziellen Technik Glasperlen erzeugt und mit diesem Weihnachtsschmuck hergestellt.

Hier im Shop kann man Weihnachtsschmuck, aber auch Perlensets zum Basteln kaufen
Hier im Shop kann man Weihnachtsschmuck, aber auch Perlensets zum Basteln kaufen

Angeblich hat der Krakonoš (wie der Rübezahl tschechisch heißt) des Riesengebirges den Menschen das Wissen über die Glasperlen-Herstellung mitgeteilt. Doch wahrscheinlich waren es eher Handwerker aus Jablonec, die hier ihre Werkstätten am Ende des 19. Jahrhunderts gegründet haben.

Hier werden die Glasperlen versilbert 
Hier werden die Glasperlen versilbert 

Damals wurden die Perlen einzeln geblasen, bis zu 1200 konnte ein guter Bläser einzeln an einem Faden erzeugen, die in erster Linie für Modeschmuck und für die Perlenstickerei eingesetzt wurden. Ganze Familien konnten damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Die Perlen wurden dann in Jablonec nad Nisou in die ganze Welt verkauft.

Die berühmten Weihnachtsstene aus Glasperlen
Die berühmten Weihnachtssterne aus Glasperlen

1876 wurde dann ein Gerät erfunden, das bis heute unverändert verwendet wird. Damals begann man auch langsam mit der Herstellung von Weihnachtsschmuck. Als erste Motive boten sich damals Gegenstände aus dem Alltagsleben an, wie z.B. Wiegen. 1922 wurde die Firma in Poniklá gegründet und war bald sehr erfolgreich. Am Höhepunkt um 1930 arbeiteten an die 200 Mitarbeiter für die Glasbläserei. Da das Betriebsgelände viel zu klein für diese Anzahl der Mitarbeiter war, wurde schon damals viel ins „Home Office“ ausgelagert und in Heimarbeit wird auch heute noch das Schneiden, Auffädeln und Blasen der Perlen erledigt, in der „Fabrik“ werden in erster Linie alle „chemischen“ Vorgänge erledigt, wie das Einfärben oder Versilbern der Perlen.

Die Weihnachtsmänner sind schon bereit 
Die Weihnachtsmänner sind schon bereit 

1948 wurde das Unternehmen verstaatlicht und es wurden bei der Herstellung auch andere Materialien verwendet, sodass oft nur mehr ein kleiner Teil des Werkstücks, wie z.B. ein Kopf, aus Glas gefertigt wurde. 1989 wurde die Produktion wieder privatisiert, zuerst wurden Lüster und Schmuck erzeugt, später machte sich Rautis selbständig und spezialisierte sich wieder auf Glasperlen und Weihnachtsschmuck.

Hier werden die Glasperlen verarbeitet
Hier werden die Glasperlen verarbeitet

Bei einer Führung lernt man mehr über die Technik des Perlenblasens und kann dabei auch zusehen und Mutige können es auch selbst probieren. Dann werden die Perlen versilbert oder gefärbt, geschnitten und schließlich zur jeweiligen Form aufgefädelt. Erst beim Schneiden nach dem Färben merkt man, ob die Perlen gut geblasen wurden, wobei der „Ausschuss“ aber auch wieder verwertet werden kann.

Bei der Führung bei Rautis
Bei der Führung bei Rautis

Die Perle von Rautis ist nicht kugelrund, sondern hat eine Rautenform – daher stammt auch der Name der Firma. Die Glasperlenkunst ist geschützt, im Moment existieren an die 20.000 verschiedene Formen und Muster. An die 700 unterschiedlichen Farbtöne bzw. Musterfarben können hergestellt werden, wobei es für alle „Endprodukte“ genaue Beschreibungen und Vorlagen für die ArbeiterInnen gibt. Wer möchte, kann am Ende der Führung auch selbst probieren einen Weihnachtsstern aus Glasperlen zu fertigen. Im Shop gibt es auch verschiedene „Bastelsets“ mit denen man zu Hause seinen eigenen Weihnachtsschmuck herstellen kann.

Wer keine eigenen kreativen Ambitionen hat, kann natürlich im Shop vor Ort oder aber online seinen Weihnachtsschmuck bestellen: www.perlickoveozdoby.cz

Glasfirma Rautis
512 42 Poniklá, Poniklá 153
www.rautis.cz

Als nächstes besichtigen wir ein Dorf, in dem Glasgeschichte begann, auch österreichische.

Desná und Riedel

Hier war die Familie Riedel zu Hause, die ihr sicher alle für ihre besonderen Weingläser kennt. Wenn ich mich richtig erinnere, entstand der Boom welches Glas am besten die „Seele“ des Weines zur Geltung bringt im Laufe der 1970/80er Jahre. Es gab Seminare und der Firmeninhaber Claus J. Riedel erläuterte auch in der Werbung persönlich, warum zum Weingenuss auch das richtige Glas gehört.

Die Riedel Villa in Desná
Die Riedel Villa in Desná

Allerdings erfuhr ich erst auf dieser Reise von der jahrhundertelangen Glastradition der Firma.
Der Ursprung der Glasdynastie liegt in Pavlovice, wo Johann Christoph Riedel 1673 geboren wurde. Bereits während des frühen 18. Jahrhunderts waren die Städte Haida und Steinschönau, die ganz in der Nähe liegen Hochburgen des internationalen Handels mit böhmischen Kristall. Bereits damals war Riedel im Glasbusiness. 1723 wurde er ermordet.

Der Glaskönig vom Isergebirge
Der Glaskönig vom Isergebirge

Einer seiner Söhne, Johann Carl Riedel lebte in Falkenau nahe Haida. Er arbeitete als Glasmaler und wurde sogar 1739 zum Vogt der Stadt ernannt, 1723 heiratete er in eine reiche Glasfamilie ein. 1753 zog er nach Antoniwald im Isergebirge und sein ältester Sohn Johann Leopold übernahm die Glashütte in Nová Louka.

Ein Raum in der Riedel Villa
Ein Raum in der Riedel Villa

Johann Leopold Riedel ist auch der „Urvater“ des Glasimperiums. Er erkannte, dass nach dem Siebenjährigen Krieg die Nachfrage nach Fensterglas sehr hoch war und er war der erste, der im Isergebirge Fensterscheiben herstellt. 1775 baute er die erste Glashütte der Familie in Christianthal und kaufte 1782 auch die Glashütte in Nová Louka.

Wieder übernahm der älteste Sohn, Anton Leopold Riedel, die Geschicke der Unternehmen. Zuerst leitete er die Glashütte in Nová Louka, die er dann 1795 übernahm. Er erweiterte das Sortiment und stellte unter anderem Kristall, Hohlglas, farbiges Glas, Parfumflakons und Lüsterteile her. Auch er war ein Innovator und damit einer der Ersten, der Bijouterie aus Glas anfertigte. 1809 gründete er ein Glasveredelungswerk, das sich auf Schneiden, Gravieren und Bemalen von Hohlglas spezialisierte.

Gläserne Farbmuster in der Ausstellung der Riedel Villa
Gläserne Farbmuster in der Ausstellung der Riedel Villa

Franz Xaver Riedel, der hier die 5.Generation repräsentiert, war ein berühmter Graveur, dessen Kunstwerke noch heute gehandelt werden. Er leitete zuerst die Glashütte seines Vaters, wurde später Pächter der Zenknerhütte in Antoniwald und gründete 1829 seine eigene  Glashütte in Wilhelmshöhe. Hier wurde Hohlglas, Röhrchen und Stäbchen für die Bijouterie und Parfumflakons produziert. Auch seine erste Frau Judith entstammte einer reichen Glashändlerfamilie. Franz erfand zusammen mit seinem Neffen Josef neue Glasfarben, die sie durch die Beigabe von Uran erzielten und „Annagelb und Annagrün“ nach den Namen der Töchter von Franz nannten.

Der Plan der Riedel Villa und des Gartens
Der Plan der Riedel Villa und des Gartens

Mit 14 Jahren trat Josef Riedel senior als Lehrling in das Unternehmen seines Onkels Franz Xaver ein, das er bereits mit 19 Jahren schon leitete und dessen Tochter er später heiratete. Bis sein Onkel allerdings dafür die Einwilligung gab, dauerte es 7 Jahre. Joseph Riedel, der Ältere war ein ausgezeichneter Geschäftsmann: 1858 besaß er bereits acht Glashütten (insgesamt wurden es schließlich 13) zwei Textilfabriken, Kohlebergwerke und eine Badeanstalt. In seinen Glashütten wurde hauptsächlich Glasschmuck, Perlen und Lüsterteile hergestellt, später auch hochwertige Produkte aus Hohlglas. Joseph Riedel wurde bei der Weltausstellung in Wien 1873 mit dem „Grand Prix“ ausgezeichnet, Kaiser Franz Joseph I. verlieh ihm das „Ritterkreuz“, der Papst zeichnete ihn mit dem Sylvester-Orden aus, in Franzensbad und Wiesenthal wurde er zum Ehrenbürger ernannt. Joseph Riedel galt als der „Glaskönig des Isergebirges“. Als Unternehmer galt er als Vorbild: er kümmerte sich um seine Arbeiter, denen er eine Krankenversicherung und eine Rente zahlte.

Riedel Gläser von einst
Riedel Gläser von einst

Bei der Geburt seines vierten Kindes starb seine erste Frau. Später heiratete er noch einmal die Tochter des Verwalters der Wälder und obwohl diese Heirat eine reine Zweckheirat war, bekam er noch einmal zwei Söhne. Einer davon ist Josef, der Jüngere, der die Villa in Desná (Dessendorf) baute, die wir bei unserer Glasreise besichtigen konnten.

Die Riedel Kapelle
Die Riedel Kapelle

Josef Riedel erbaute die Villa für seine Frau Paula, die aus Italien stammte. Auch für den Entwurf der Villa wurden daher italienische Architekten beauftragt, die Umsetzung lag allerdings beim hiesigen Baumeister Stefan Umann aus Unter Polaun. Josef war ein hervorragender Chemiker und Ingenieur, der nicht nur mehrere hundert Glasfarben, sondern auch neue Maschinen für die Massenproduktion von Stickperlen. Armreifen, Pressglas und technisch hochwertiges Glas für Außenleuchten wurden auch hergestellt. An der Stelle der Villa, befand sich früher ein Kaltwasserheimbad, das der Arzt Dr. Josef Schindler, ein großer Bewunderer von Vinzenz Prießnitz errichtet hatte. Doch nachdem Schindler Nachfolger von Prießnitz in Jeseník (Freiwaldau – davon hören wir anlässlich einer späteren Reise noch mehr) verlor der Kurbetrieb an Bedeutung und Schindler verkaufte das Anwesen, das wenig später dann Josef Riedel vom früheren Besitzer kaufte.

Riedel Kapelle - Detail
Riedel Kapelle -Detail

1924 starb Josef Riedel und hinterließ das Erbe seinen Söhnen Walter und Arno. 1918 stieg Walter ins Familienunternehmen ein. Sein Leben war durch die dramatischen Umstände der beiden Weltkriege bestimmt, was unter anderem dazu führte, dass er vier Mal seine Staatsbürgerschaft ändern musste. Dennoch wuchs die Firma zu einem weltweit führenden Hersteller von Glasschmuck und Kristall, Stickperlen, Lampen, technischem Glas und hochwertigen Glaswaren heran. Die Villa wurde nach dem Tod seines Vaters mehrere Mal umgebaut, sowohl im Inneren wie auch beim Eingang. Bis 1945 wohnte die Familie hier, dann wurde die Villa konfisziert.

Der Stiegenaufgang in der Riedel Villa
Der Stiegenaufgang in der Riedel Villa

Auch Walter erbte das Talent für die Glasherstellung und brachte viele technische Neuerungen in die Glasindustrie ein. 
Als russische Truppen 1945 in Berlin eine intakte Bildröhre entdeckten, suchte man den Entwickler des Objekts – Walter Riedel wurde nach Russland verschleppt und gezwungen einen Fünfjahresvertrag als wissenschaftliche Kraft zu unterzeichnen. Es dauerte allerdings noch weitere fünf Jahre bis Walter Riedel nach Hause kam. Einer seiner Söhne konnte sich beim Abtransport durch einen Sprung aus dem Zug auf österreichischem Gebiet vor der Internierung retten.

Ausstellung in der Riedel Villa
Ausstellung in der Riedel Villa

In Österreich unterstützte die Familie Swarovski, die enge Freunde der Riedels waren und schon früher Böhmen Richtung Österreich verlassen hatten, den Neustart der Familie in Kufstein, wo Walter mit seinem Sohn Claus Josef mit ihrer Hilfe eine Glashütte übernehmen konnte.

Ihre Villa in Desná jedoch wurde nach der Enteignung für die unterschiedlichsten Zwecke genutzt: hier wohnten Ingenieure des Militärs, Fußballer, eine Lehrlingsausbildungsstätte mit Internat wurde hier untergebracht, ab 1955 wurde die Villa als Kindergarten und Kinderhort genutzt.

Ausstellung in der Riedel Villa
Ausstellung in der Riedel Villa

Heute befindet sich die Villa ebenso wie die Gruftkapelle der Familie im Besitz der Stadt und wird als Kultur- und Informationszentrum mit Bibliothek genutzt. Außerdem bietet sie Ausstellungen, Hochzeiten, Konzerten, Vorträgen und kulturellen Aktionen ein Zuhause.

In Sichtweite der Villa, auf einer kleinen Anhöhe, liegt die Gruftkapelle der Familie Riedel. Sie wurde von Wilhelm Riedel in den Jahren 1889 bis 1890 für seinen Vater Joseph Riedel, dem Älteren als eine Familiengruft mit Krypta gebaut. Die Kapelle aus Sandstein aus Hořice wurde so ausgerichtet, dass der „Glaskönig“ auch nach seinem Tod noch auf die Glashütte blicken konnte.

Ausstellung in der Riedel Villa
Ausstellung in der Riedel Villa

Die eigentliche Gruft ist aus Granitblöcken aus dem Muchov-Steinbruch errichtet, darauf steht die Kapelle aus Sandstein. Bis in die 1960er Jahre wurden hier noch Mitglieder der weit verzweigten Familie bestattet. In der Gruft waren sieben Särge und vier Urnen, auf jedem Metallsarg war eine Namensschild mit Geburts- und Todesdaten angebracht, außerdem hat man den Toten ein Kreuz und ein Glasstäbchen beigelegt.

Ab den 1960er Jahren kam es aber immer wieder zu Störungen der Totenruhe. Anscheinend wurden auch wertvolle Grabbeigaben bei den Verstorbenen vermutet. Schließlich löste der Stadtrat die Gruft auf und überführte die Urnen auf den Friedhof in die Gruft der Familie, ebenso wie die eingeäscherten sterblichen Überreste der Särge.

Bei unserem Besuch zeigt sich die Riedel-Familiengruft im Inneren noch ziemlich reservierungsbedürftig, aber man kann auch hier ihre ehemalige Schönheit erahnen.

Durch die Stadt führt auch ein Themenpfad, der sich mit dem Glaswesen in Desná beschäftigt und auf dessen Weg nicht nur die Villa Riedel und ihre Gruft, sondern auch die Glasfabrik Preciosa Ornela liegt, die sich bemüht die einstige hohe Glaskultur im Ort wieder zu etablieren.

Riedelova Vila
468 61 Desná, Krkonoška 120
https://crystalvalley.cz/de/videt/kulturni-a-informacni-stredisko-riedelova-vila-desna
https://www.preciosa-ornela.com/
https://www.riedel.com/de-at

Wir reisen weiter nach Jablonec nad Nisou, wo wir im Hotel Rehavital nächtigen werden. Dann steht noch ein kurzer Besuch im Museum für Glas und Bijouterie und der Veranstaltung Křehká krása (Zerbrechliche Schönheit) am Programm.

Das Museum für Glas und Bijouterie

Dieses Museum ist einzigartige in seiner Art in Tschechien und wahrscheinlich weltweit. Den Besucher erwarten hier die größte Bijouterie-Sammlung der Welt und die größte Glasausstellung in Tschechien – kein Wunder, immerhin gibt es hier 12 Millionen Exponate aus der Bijouterie und 10.000 Glasexemplare zu bestaunen.

Das Glasmuseum in Jablonec nad Nisou
Das Glasmuseum in Jablonec nad Nisou

Ok, wenn auch unzählige Knöpfe da mitgezählt werden, sie aber auch die anderen Objekte sind sehenswert. Auch hier sind Objekte von Riedel vertreten – an die 800 Objekte finden sich in der Sammlung.

Viele Knöpfe im Museum
Viele Knöpfe im Museum

Neben Perlen für Schmuck in Afrika und Nordamerika gibt es auch noch an die 5 Millionen Knöpfe im Museum zusehen und natürlich noch viel mehr.

Hier meine kleine Auswahl:


Museum für Glas und Bijouterie
466 01 Jablonec nad Nisou, U Muzea 398/4
Tel: +420 483 369 011
Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
https://www.msb-jablonec.cz/de

Křehká krása

Nach dem Museum schauten wir auch noch beim Event Zerbrechlichen Schönheit (Křehká krása) vorbei, die vom Museum für Glas und Bijouterie veranstaltet wird und auf der nicht nur die Teilnehmerinnen der Misswahl ausgewählten Glasschmuck präsentierten, sondern auch auf vielen kleinen Ständen wunderschöne Pretiosen, aber auch kleine Tiere, Holzspielzeug, Weihnachtsschmuck und vieles mehr angeboten wurde. Natürlich habe ich auch hier wieder einmal hemmungslos zugeschlagen, nachdem ich auf Nachfrage einige sehr schöne Ringe gezeigt bekam. Tja, und dann war da auch noch diese schöne Halskette, die unbedingt zu dem Ring gehörte…

Wer kann da widerstehen?
Wer kann da widerstehen?

Die Veranstaltung findet jährlich statt und solltet ihr in der Nähe sein: es lohnt sich vorbei zu schauen. Vielleicht macht ihr ja vorher auch einen Abstecher ins Crystal Valley …

Mehr über die Veranstaltung findet ihr hier: https://www.krehkakrasa.cz/

In der Ausstellung "Zerbrechliche Schönheit"
In der Ausstellung "Zerbrechliche Schönheit"

Dies war jetzt nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Kristalltal. Wenn ihr in der Gegend seid, werdet ihr sehen, dass es noch viele kleine Glashütten, Schulen und Ausflugsmöglichkeiten mehr zu entdecken gibt. Aber all das sind auch Gründe, noch einmal hinzufahren. Außerdem lässt sich die "Kristallreise" sehr schön mit Kultur und auch mit Genuss und einem oder mehreren Gläsern ausgezeichnetem tschechischen Bier verbinden. Und natürlich auch mit ausgedehnten Shopping...

Wer sich seinen eigenen Plan machen möchte, schaut am besten hier vorbei: www.crystalvalley.cz/de. Auf dieser Seite kann auch online ein Ticket für den Eintritt in vielen Glashütten und –manufakturen erworben werden, das noch dazu sieben Tage lang gilt.

Mein Tipp daher: Schaut vorbei und berücksichtigt gleich beim Koffer packen, dass ihr sicher mit einigen wunderschönen Gläsern, Skulpturen, Weihnachtsschmuck oder Bijouterie zurückkommen werdet. Also Platz frei lassen und lieber den nächstgrößeren Koffer auf die Reise mitnehmen.

Die Besuche erfolgten im Rahmen einer Pressereise auf Einladung von Czech Tourism in Wien mit Unterstützung der Tourismusorganisation der Liberecer Region und von Crystal Valley.